Riku Korhonen: Lebt wohl, Mädels – Roman

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Riku Korhonen

Hyvästi tytöt (Lebt wohl, Mädels)

Roman in finnischer Sprache.

Sammakko 2009, 185 S.

Alexandra Stang

Es kommt der Tag im Leben eines Mannes, an dem er unsichtbar wird. Die Mädchen und jungen Frauen sehen ihn plötzlich nicht mehr. Selbst dann nicht, wenn er sich seine Hose mit Massen von Toilettenpapier ausstopft. Sie gehen einfach an ihm vorbei, als würde er gar nicht existieren.

Diese schmerzliche Erfahrung im Leben des 36-jährigen Ich-Erzählers ist der Ausgangspunkt des Romans Hyvästi tytöt, um sich in 25 verschiedenen Episoden, die mal märchenhaft und mal absurd, mal traurig und mal lustig sind, an die verschiedenen Mädchen und Frauen, die ihm im Leben begegnet sind, zu erinnern. Um diese Episoden herum ist die Rahmenerzählung des Erzählers gebaut, der sich am Ende dann doch beinahe versöhnt damit abfindet, sich von den Mädchen verabschieden zu müssen.

Gleich zu Beginn des Romans findet sich ganz klassisch eine Initationsgeschichte: Zwei Gruppen von Jungen bekriegen sich, bis einer eines Tages ein Pornomagazin findet. Das findet soviel Aufmerksamkeit, dass der Kampf beendet ist und die Jungen sich tagtäglich das Heft zusammen ansehen und wahrscheinlich alle, wie der Erzähler, auch abends noch von den Mädchen darin träumen.

Auf die stolze Zahl von 25 Geschichten kommt der Erzähler nicht nur, weil es bereits in der Schulzeit Mädchen gab, sondern auch, weil sich Frauen auch in mehrere aufspalten können. So gibt es die Trauer-Liisa und die Freuden-Liisa. Erstere ist stets deprimiert und vor allem nach dem Tod ihres Wellensittichs tieftraurig; sie schläft nicht mehr, isst nicht mehr, will keinen Sex mehr. Als sie schließlich genesen ist, hat sie allerdings ein so fürchterliches Lachen, dass es dem Erzähler lieber wäre, sie würde in den vorherigen Zustand zurückkehren. Er tut alles dafür, dass sie nicht lacht. Am Ende geht er so weit, dass er in das gemeinsame Schlafzimmer ein riesiges Fresko malt, in dem sich alle Gräuel der Weltgeschichte und der Malerei versammeln. Doch die Freuden-Liisa lacht nur. Und geht. Der Erzähler fristet von da an ein elendes Dasein im einsamen apokalyptischen Schlafzimmer.

Ein anderes Mal ist der Erzähler auf der Suche nach einer Jungfrau. Das gestaltet sich mehr als schwierig. In der sehr märchenhaften Episode wandelt er mit einem Stab, der bei der Begegnung mit einer Jungfrau zu zittern beginnt, durch die Lande. Dreimal trifft er auf eine, es sind jeweils Frauen verschiedenes Alter, vom jungen Mädchen bis zur alten Jungfer. Jede bittet ihn immer zuerst um Hilfe bei irgendeiner Reparatur, bevor sie dem Erzähler gestattet, ihr die Jungfräulichkeit zu nehmen. Und jedes Mal, als er endlich fertig ist, erzählen ihm die Jungfrauen, dass sie während er beschäftigt war, ihre Jungfräulichkeit soeben an einen Vorbeikommenden verloren haben. Der Erzähler begreift am Ende, dass unberührte Frauen nichts für ihn sind. Sein neuer, vielleicht erfüllbarer Traum am Ende der Geschichte ist es, einmal im Leben der letzte Mann einer Frau zu sein.

Der Erzähler ist eine recht komplexe Figur, dem allerlei Mädchen begegnet sind. Meist sind sie willensstärker als er, oft sind sie lebenserfahrener und auch -tüchtiger, manchmal haben sie auch eine Menge mehr Geld, trotzdem, oder gerade deshalb, erreicht er sein Ziel nie: eine davon zu heiraten. Ein Verlierer im gewöhnlichen Sinne ist er dennoch nicht, vielmehr ein Beobachter der Frauen und seiner eigenen Vergangenheit. Jede Lebensphase beinhaltet einen anderen Typ Frau, und in jeder Lebensphase geht er anders mit den Frauen um. So können die Geschichten auch als einzelne Kurzgeschichten bestehen, sie erhalten aber im Gesamtzusammenhang noch die zusätzlich Dimension der Erzählerfigur, die jeder Geschichte durch das, was vorher und danach geschieht, noch die ein oder andere spezielle Note hinzufügt.

Wie in Korhonens vorherigen Romanen findet sich auch in diesem eine Mischung aus Sarkasmus, Ironie, Nostalgie und sehr detaillierte Beschreibungen. Insgesamt durchzieht den Roman dem Thema entsprechend eine eher nostalgische Stimmung, die aber durch allerlei Absurditäten an vielen Stellen aufgebrochen wird und einen, noch mehr als in den früheren Romanen Korhonens, laut lachen lässt; ein gewisser Humor ist natürlich von Anfang an angelegt. Die Frauenfiguren sind stimmig gezeichnet, lassen aber auf den oft nur drei bis vier Seiten keine tiefen Charakterstudien zu. Was aber auch nicht Sinn der Sache ist, denn der Roman ist vielmehr ein Porträt des Erzählers, der auf eine Beobachtungstour seiner selbst geht, in dem er sich die Mädchen, denen er in seinem Leben begegnet ist, genauer ansieht. Und am Ende erfahren wir: „Mädchen sind ein einfacher Brocken. Bei den Frauen fangen die Herausforderungen an.“

Riku Korhonen (*1972) hat mit Hyvästi tytöt seinen dritten Roman veröffentlicht. Bei einer Lesung gestand er, dass der Roman völlig unüberlegt und ungeplant entstanden ist, und er sich nach seinen früheren Werken die Freiheit genommen hat, einfach drauflos zu schreiben – was einer gewissen Leichtigkeit im positiven Sinne zugute gekommen ist und den Roman als, so Korhonen, alsGegenstück zu den bisherigen definiert.

Sein Erstlingsroman Kahden ja yhden yön tarinoita (Geschichten aus zweien und einer Nacht) erschien 2003 und wurde mit dem Preis für den besten Debütroman der wichtigsten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat ausgezeichnet. Die Geschichten aus zweien und einer Nacht erzählen in Form von miteinander durch skurrile und manchmal auch traurige Ereignisse und Figuren verbundenen Kurzgeschichten von den Bewohnern einer Vorstadt von Turku.

Korhonens zweiter Roman, Lääkäriromaani (Arztroman) erschien 2008. Er erzählt vom Ende einer Liebe im heißen Sommer 2003, als die USA im Irak befreit haben, von der Weltpolitik aus der Sicht eines Finnen Anfang Dreißig und von dessen kleinen und großen Problemen, mit dem Leben fertig zu werden.

2005 erschien sein Gedichtband Savumerkkejä lähtöä harkitseville (Rauchzeichen für die, die über das Aufbrechen nachdenken).

Korhonen lebt als freier Schriftsteller in Turku, wo auch seine Romane angesiedelt sind. Neben dem Schreiben ist er Kolumnist und moderiert derzeit die wöchentliche Sendung Kirjamaa (Buchland) des staatlichen finnischen Fernsehsenders YLE Teema, in der er durchs Land reist und AutorInnen trifft. Vor seiner Karriere als Autor war Korhonen Lehrer für Finnisch. Er hat Literaturwissenschaft, Philosophie und finnische Sprache studiert sowie kreatives Schreiben und Pädagogik an der Universität Turku studiert.

Riku Korhonen: Arztroman

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Riku Korhonen: Lääkäriromaani (Arztroman)

Roman in finnischer Sprache.

Sammakko 2008, 446 S.

Alexandra Stang

Inhalt: „Liebe ist Heilung. Aber manchmal passieren Behandlungsfehler.“ Vorrangig um Letztere geht es in Riku Korhonens Arztroman, der facettenreich das Ende einer langjährigen Beziehung schildert. Niklas, der Protagonist des Romans, ist Anfang 30 und seit der Schulzeit (mal mehr, mal weniger) mit Inna zusammen, als die Liebe endgültig zu bröckeln beginnt.

Beruflich sieht es für Niklas ebenfalls nicht besonders rosig aus, denn mit seiner Doktorarbeit kommt er nicht voran und sein einziges Einkommen besteht aus dem Schreiben von Kolumnen, sodass er hauptsächlich von Innas Geld lebt.

Eine positive Wendung in Niklas‘ Leben scheint ein Drogentrip mit Ketamin zu versprechen, durch den er in seine Kindheit zurückgekehrt ist und das erste Mal seit langem wieder glücklich war. Er versucht, Inna dazu zu überreden, sich auf die gleiche Erfahrung einzulassen, um sich damit von der Trauer um ihren Vater zu heilen, der kurz zuvor gestorben ist. Doch Inna entfernt sich nach diesem Vorschlag, den sie ablehnt, noch mehr von ihm. Niklas wiederum versucht immer aufs Neue erfolglos, dieses Gefühl vollkommenen Glücks wiederzuerlangen. Er wird regelrecht zwanghaft in seinem Bestreben, das längst Gewesene festhalten zu wollen, verletzt sich bei den missglückten Drogentrips und wird immer zu einer allmählich Mitleid erregenden Figur, die sich von keinem helfen lässt.

Einen weiteren, kleineren Erzählstrang eröffnet eine E-Mail-Korrespondenz zwischen Niklas und einem politisch rechts orientierten Restaurantbesitzer namens Seilo. Unter dem Namen seines Kollegen und Freundes Jussi Korpinen führt Niklas eine polemische Debatte um Nationalgefühl und das Finnischsein an sich. Ein geplatztes Treffen zwischen Niklas und Seilo, nach dem Seilos Auto zerkratzt ist, führt schließlich dazu, dass Seilo einen gewissen Petri engagiert, der ‚Jussi‘ zusammenschlagen soll. Die Abfuhr trifft natürlich den falschen: Jussi, der Universitätsdozent und Vater zweier Kinder, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird Opfer der Rechten und bleibt selbst nach seiner Genesung arbeitsunfähig. Indem er Jussis Namen benutzt hat, ist Niklas in gewisser Weise für dessen Schicksal verantwortlich, erzählt aber keinem davon.

Der Schläger Petri wiederum ist eine weitere wichtige Figur des Romans, die entsprechend auch in eigenen Kapiteln zu Wort kommt. Er wurde von seiner Freundin Suvi verlassen und versucht, sie zurückzubekommen. Ablenkung findet er durch Seilo, der ihn einlädt, ein Wochenende mit ihm und seiner Frau in deren Sommerhaus zu verbringen. Dort verführt ihn Seilos Frau vor den Augen ihres Mannes – eine der großen Sexszenen des Romans.

Suvi (auch mit eigenen Kapiteln versehen), taucht ebenfalls in Innas und Niklas‘ Leben auf. Sie wohnt über den beiden, lernt Inna zufällig kennen und verbringt einen Nachmittag bei ihr in der Wohnung. Und während Inna bei ihrem Großvater auf dem Land ist und Niklas mit Freunden in ein Sommerhaus fährt, um den Junggesellenabschied eines Kumpels zu feiern, lernt auch Niklas Suvi kennen (ohne jedoch zu erfahren, wer sie ist) und verbringt die Nacht mit ihr.

Einen wirklichen „Arztroman“ gibt es aber auch in Korhonens Buch. Jedes der vier großen Kapitel des Romans beginnt mit einigen, sich graphisch vom Rest des Romans absetzenden Seiten, die von Rachel erzählen. Rachel lebt in London und arbeitet in einem Rehabilitationszentrum. Sie hat sich in Nicholas verliebt, einen gutaussehenden, erfolgreichen Arzt, der Menschen, die Arme oder Beine in den Kriegen dieser Welt verloren haben, mit seinen Prothesen Hoffnung gibt. Der Arztroman spielt an einem Gala-Abend, der für Rachel entscheidende Wendungen nimmt, denn wie es in einem solchen Roman kommen muss: Die beiden kriegen sich am Ende. Wenn auch in absurderer Weise als das Genre zunächst vermuten lassen würde. Bereits auf dem Weg ins Hotelzimmer, werden die beiden davon unterbrochen, dass eine äußerst attraktive junge Irakerin völlig betrunken aus ihrem Zimmer stürzt. Da er zunächst denkt, sie sei krank, untersucht Nicholas sie. Er bekommt dabei eine Erektion und hat Sex mit dem Mädchen, während Rachel dabei zusieht. Ali, der Bruder des Mädchens, für den Nicholas eine Prothese gefertigt hatte, kommt ebenfalls dazu. Plötzlich ist alles voller Rauch – und das ist auch das letzte, woran Rachel sich erinnert. Der Arztroman ist zu Ende.

Themen: Erinnerung und Nostalgie gehören zu den zentralen Themen des Arztromans, der mit Rückblicken einen Bogen von den 1970ern bis in die Gegenwart schlägt. Die Vergangenheit ist eine Art Spiegel, der den Kontrast zwischen unbeschwerter Kindheit und dem Erwachsensein bei jedem Hineinsehen verdeutlicht.

Die Zeit von Niklas‘ Kindheit, symbolisiert durch den Traum im Drogenrausch, steht im Kontrast zu seinem Selbstbild mit Anfang Dreißig, das ihn als recht egoistischen Verlierertypen zeigt, der immer noch nicht ganz erwachsen geworden ist. Dass seine Beziehung plötzlich nicht mehr intakt ist, ist der Auslöser für Niklas, sich an die Vergangenheit zu klammern; daran, wie alles angefangen hat, als sie sich in der Schulzeit kennenlernten, oder wie Inna Niklas nach der Schule verließ, um nach London zu gehen. Diese Rückschau-Episoden sind entsprechend separate Kapitel des Romans.

Auch Innas Trauer um ihren Vater ist mit Erinnerungen verbunden: zwischen den Kapiteln finden sich hin und wieder Briefe des Vaters an Inna, aus denen eine sehr enge Beziehung der beiden abzulesen ist. Auch eine Reise zu ihrem Großvater aufs Land steht im Zeichen der Erinnerung an ihre Kindheit. Sie kehrt noch einmal mit dem inzwischen recht senilen und alten Mann in die Unbeschwertheit eines Sommers auf dem Land bei den Großeltern zurück, wird aber gleichzeitig durch die Sorge um den alten Mann und das Nachdenken über ihre Beziehung immer wieder in die Gegenwart zurückgeholt.

Der Roman bleibt aber nicht im Mikrokosmos der Beziehung zwischen Niklas und Inna, sondern schlägt einen Bogen zur Weltpolitik des beginnenden Jahrtausends. Der Arztroman spielt im heißen Sommer des Jahres 2003, als der Krieg im Irak in vollem Gange ist und wird somit auch gleichzeitig zu einer Art Bestandsaufnahme der Generation der in den 1980ern Aufgewachsenen, von denen kein kleiner Teil immer noch auf der Suche nach einem Platz in der Welt ist, die es zu verbessern gilt. Auch Niklas gehört zu denjenigen, denen es eigentlich gut geht, dessen ganze Welt aber wie ein Kartenhaus zusammenbricht, sobald ein Teil des eigenen Lebens plötzlich nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Der Wille zur Selbstzerstörung, der durch Selbstmitleid und das Leiden an der Welt entsteht, in der alles möglich zu sein scheint, aber letztlich doch nicht ist, ist Teil von Niklas‘ Charakter; er ist unfähig, sich selbst zu vergeben und sein Leben in die Hand zu nehmen. Was ihm bleibt, ist der Moment aus seinem Drogentrip, der ihn in die Kindheit zurückgeholt hat, als tatsächlich alles noch möglich war.

Wie die USA, die Niklas als „Oberarzt der Welt“ neu definiert, fungiert er auch selbst als solcher: Innas Trauer, die für ihn wie eine Krankheit ist, soll das Ketamin heilen. Und nicht nur die Trauer, sondern auch die verloren gegangene Liebe. Ob Inna das will – was der Frage entspricht, die im Hintergrund mit auftaucht, mit welcher Erlaubnis die USA den Irak zu „heilen“ versucht haben –, ist zweitrangig und verdeutlicht, wie wenig er über Innas Trauer wissen will, während er immer mehr zum Gefangenen seiner eigenen Welt wird.

Neben der Politik geht es aber auch um Handfestes. Der Roman wirft die Frage auf, was einen Mann in der heutigen Zeit ausmacht und beantwortet diese Frage auch gleich (ironisch) selbst: Es scheint letztlich nicht viel mehr zu sein als Sex, alles andere zerrinnt sowieso zwischen den Fingern. Und Sex gibt es definitiv genug in Korhonens Roman.

Doch auch die Frauenfiguren kommen zum Glück viel zu Wort. Wie beispielsweise Innas Repliken Niklas‘ Sicht kontrastieren und ergänzen, ist eine der Stärken des Romans – Innas Blickwinkel vervollständigt den Roman. Der Arztroman gibt Einblicke in die Beziehung der beiden Protagonisten sowie in das Phänomen der Liebe im Allgemeinen, wie man es in Tiefe und Kompliziertheit (im positiven Sinne) selten zu lesen bekommt.

Doch am Ende des Arztromans bleibt, trotz der überwiegend traurigen Ereignisse, eine positive Stimmung: Die Beziehung zwischen Niklas und Inna ist zwar vorbei, aber man spürt dennoch: Heilung ist möglich.

Stil/ Sprache: Korhonen ist alles andere als ein Minimalist, seine Sprache ist aber dennoch sehr klar und genau. Er schreibt in recht kurzen Sätzen, lässt gleichzeitig aber seine Erzählung sehr detailliert werden, schmückt sie mit Nebenhandlungen, Adjektiven und Beschreibungen aus, macht sich das ganze Register des Wortschatzes zunutze und kreiert auch mal eigene Wörter. Im Kontrast zu den meist eher traurigen Ereignissen sind vor allem die Dialoge oft lakonisch und ironisch, und immer wieder passieren die absurdesten Dinge, sodass die Ereignisse in ihrer Schwere relativiert werden und an manchen Stellen durchaus auch sehr amüsant sein können.

Über manche der Ereignisse erfährt man aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, manchmal fangen zwei Kapitel beinahe identisch an; die Dialoge wiederholen sich, werden aber von den Figuren unterschiedlich interpretiert. So erfährt man, dass Niklas durchaus in der Lage ist, sich selbst und seine Umwelt zu betrachten und zu analysieren, aber Handlungen folgen daraus nicht, wenn er auch weiß, dass er dabei ist, viel zu verlieren. Dass verschiedene Figuren zu Wort, ermöglicht dem Roman eine vielschichtige Sichtweise auf die Ereignisse und er ist trotz der Länge von fast 500 Seiten sehr abwechslungsreich und im positiven Sinne unterhaltend.

Der Arztroman im Arztroman ist der Versuch von Niklas, zu schreiben, nachdem er über Ali, einen jungen Mann, der im Irakkrieg einen Arm verlor, gelesen hatte. Um diese Figur herum baut er die Geschichte von Rachel und Nicholas auf. Der Arztroman spielt mit dem Genre, auf das allein der Titel mehr als deutlich anspielt, und zeigt mit den teilweise kitschigen, teilweise grotesken Ereignissen und Figurenzeichnungen, die im großen Rahmen der Weltpolitik spielen, die Banalität solcher Romane. Gleichzeitig lässt sich diese Geschichte in der Geschichte aber auch als eine Art Spiegel der Beziehung zwischen Inna und Niklas bzw. als Niklas‘ Interpretation der Situation lesen: „Es werden Prothesen hergestellt, aber der Arzt für die Seele ist abhanden gekommen.“

Riku Korhonen (*1972) hat mit Lääkäriromaani seinen zweiten Roman veröffentlicht. Er erhielt dafür den Kalevi Jäntti-Preis für junge Autoren. Sein Erstlingsroman Kahden ja yhden yön tarinoita (Geschichten aus zweien und einer Nacht) erschien 2003 und wurde mit dem Preis für den besten Debütroman der wichtigsten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat ausgezeichnet. Die Geschichten aus zweien und einer Nacht erzählen in Form von miteinander durch skurrile und manchmal auch traurige Ereignisse und Figuren verbundenen Kurzgeschichten von den Bewohnern einer Vorstadt von Turku.

2005 erschien sein Gedichtband Savumerkkejä lähtöä harkitseville (Rauchzeichen für die, die über das Aufbrechen nachdenken).

Sein letzter Roman, Hyvästi, tytöt! (Lebt wohl, Mädels!) erschien zu Beginn des Jahres und lässt den Erzähler in Entwicklungsroman-Manier in 25 Kapiteln von den verschiedenen Mädchen und Frauen, die er in seinem Leben getroffen hat, bis sie ihn, im Alter von 36, plötzlich nicht mehr bemerken.

Riku Korhonen lebt als freier Schriftsteller in Turku, wo auch seine Romane angesiedelt sind. Neben dem Schreiben ist er Kolumnist und moderierte u.a. im Frühling 2009 die wöchentliche Sendung Kirjamaa (Buchland) des staatlichen finnischen Fernsehsenders YLE Teema, in der er durchs Land reist und AutorInnen traf. Vor seiner Karriere als Autor war Korhonen Lehrer für Finnisch. Er hat Literaturwissenschaft, Philosophie und finnische Sprache sowie kreatives Schreiben und Pädagogik an der Universität Turku studiert.

Leseprobe, Riku Korhonen: Lääkäriromaani (Arztroman)

Sammakko 2008, 446 S.

Übersetzung von Alexandra Stang

FILI – Suomalaisen kirjallisuuden tiedotuskeskus on myöntänyt tukea tätä käännöstä varten.

S. 11-14, 30-37, 46-47, 57-58

TEIL I – GOLDENS KINDER

„Bei schönen westlichen Frauen ist Intelligenz sexuell erregend. Aber sei nicht traurig, Rachel, Dummheit genauso.“

An einem Samstag im Oktober stand die Beschäftigungstherapeutin Rachel Fairchild vor dem Ganzkörperspiegel und dachte, dass die Vergangenheit nie enden würde. Sie war sechsundzwanzig. Sie wusste, dass sie in dem kurzen roten Satinkleid mit samtenem Orchideenmuster großartig aussah. Trotzdem wandte sie den Blick ab. Von draußen drangen die vertrauten Geräusche eines Samstagnachmittags in Kensington herein. Auf der Holland Street rauschte der Verkehr. Und ihr Schmerz kam immer wieder, viel zu vorhersehbar.

Es geschah stets genau so.

Sie war mit irgendetwas Alltäglichem beschäftigt, war zufrieden und gelassen, und plötzlich meinte sie die sarkastisch schnarrende Stimme des Billardcracks Richard Cockburn zu hören. Richards Stimme schallte über die Jahre hinweg herüber, kritisierte und beleidigte Rachel, als wäre sie seit damals überhaupt nicht klüger geworden.

Aber andererseits: das hier war nicht irgendetwas Alltägliches. Heute machte sie sich für einen wichtigen Abend schön. Sie strich über den roten Satin. Sie hatte das Kleid in der Brixton Station Arcade bei einer Jamaikanerin gekauft, deren breite Hüften sich im Takt eines sinnlichen Dancehall-Rhythmus‘ wiegten.

Sie versuchte, Richards Stimme und Gesicht aus ihren Gedanken zu vertreiben.

Heute Abend würde sie Nicholas Strong im dunklen Anzug sehen. Heute Abend würde sie in repräsentativer Funktion neben Nicholas stehen.

Rachel zupfte den linken Träger ihres Festkleides zurecht. Mit dem Zeigefinger strich sie sich über die rechte Augenbraue.

Ohne es zu wollen, zog sie im Geiste einen Vergleich.

Richard war Metallurg. Er war ein Angeber und verstand etwas von Maschinen. Rachel war erst neunzehn, als sie ihn kennengelernt hatte. Richard mochte die enganliegenden Anzügen von Paul Smith, die er sich eigentlich nicht leisten konnte. Er spielte im The Elephant & Castle Billard und kippte von Zeit zu Zeit ein Glas Whiskey in sein Bier. Er nannte das Tiefenbombe und wurde nach mehreren davon widerlich.

Auf wie viele verschiedene Weisen Richard doch versucht hatte, Rachels fachliche Weiterentwicklung ins Wanken zu bringen!

Und Nicholas? Nicholas hatte ganz anderes Format.

Nicholas Strong war ein Zögling der medizinischen Fakultät an der Universität von Kalifornien. Er war fünfundvierzig und vor mehr als zehn Jahren nach London gezogen, weil er den übertrieben materialistischen Lebensstil Kaliforniens satt hatte. Seine Haare hatten begonnen, grau zu werden. Nicholas war Vegetarier und Abstinenzler. Aber wie blendend er trotzdem aussah! Er sah unerträglich gut aus, wenn er morgens mit seinen grünen Augen durch die Pforte des Rehabilitationszentrums kam, aufmerksam und unwiderstehlich.

Im Londoner Herbst trug Nicholas Wollpullover, graue Schals und Samtjacketts. Seine Energie schien unerschöpflich. Dennoch wusste Rachel, dass Nicholas eine schmerzliche Tragödie vor den Blicken der anderen verbarg.

Vor etwa zwanzig Jahren hatte es in der Nähe von San Diego einen schweren Verkehrsunfall gegeben. Ein Tanklaster war auf einer Autobahnausfahrt verunglückt und explodiert. Nicholas‘ Frau Cindy war an diesem Morgen auf dem Weg zu einem Endokrinologenkongress. Ihr Wagen krachte auf den brennenden Laster. Sie starb in einem gewaltigen Feuermeer.

Nicholas hatte nie mehr geheiratet.

Und Rachel wusste noch etwas anderes über Nicholas. Der Schal des Mannes duftete nach Kätzchen! An einem frostigen Morgen war Rachel an der Prothesenwerkstatt des Rehabilitationszentrums vorbeigegangen. An der Garderobe davor hing ein einsamer grauer Schal. Rachel sah sich um und presste das Gesicht hinein. Der Geruch eines Kätzchens! Und dennoch, der Duft vermischte sich mit einem Hauch aufregender und beinahe gefährlicher Wildheit.

Nicholas‘ Namen hatte Rachel schon zu Studienzeiten gekannt. Sie hatte eifrig Interviews mit ihm gelesen. Nicholas war Orthopäde und womöglich der begabteste Prothesenmeister der Welt. Seine selbstlosen Bemühungen um Kinder aus Krisengebieten hatten ihn berühmt gemacht. Neben seiner eigentlichen Arbeit war er in der Nichtregierungsorganisation „Ärzte in Grenzzonen“ aktiv, die medizinische Hilfe in Entwicklungsländer brachte.

Und jetzt kannte Rachel Nicholas.

Jetzt war sie seine Mitarbeiterin.

Mitarbeiterin.

Und nichts weiter als eine Mitarbeiterin.

Rachel presste die Handflächen auf die Wangen. In einem plötzlichen Wutanfall streckte sie sich selbst die Zunge heraus. Sie hatte Lust, ihr Spiegelbild anzuschreien:

Jämmerliche Rachel! Dein Leben ist ein einziges liebeskrankes Durcheinander!

Rachel brachte ihre Frisur in Ordnung und versuchte, sich zu beruhigen.

Das Jahr war unglaublich schnell vergangen. Als sie im vergangenen Herbst die Stelle am Rehabilitationszentrum in Roehampton bekommen hatte, war sie durch und durch glücklich gewesen. Sie hatte erwartet, sich in aller Ruhe beruflich weiterentwickeln zu können. Sie konnte nicht wissen, dass sich ein knappes Jahr später alles im Umsturz befinden und die ganze Welt nach Roehampton blicken würde.

Sie konnte nicht wissen, dass der berühmteste armlose Kriegswaise des Planeten bald bei ihnen zur Rehabilitation sein würde.

Rachel sah sich in die Augen. Sie zitterte und spürte, wie sie erneut wütend wurde. Wie konnte sie so oberflächlich sein? Was phantasierte sie eigentlich? Wie konnte sie nach der Aufmerksamkeit von Nicholas Strongs grünen Augen und der sicheren Berührung seiner Arme lechzen, während Ali seinen Arm und seine Familie verloren hatte und um Funktionstüchtigkeit kämpfte, hilflos und unterstützungsbedürftig wie das ganze irakische Volk?

Rachel legte Puder auf. Sie stellte sich vor, wie sie mit Kopftuch oder Burka aussähe. Die Jahre, die sie inmitten der ethnischen Vielfalt Londons verbracht hatte, hatten ihre Vorstellung von Weiblichkeit bereichert. Sie hatte die Araberinnen der Edgware Street gesehen, die pakistanischen und indischen Mädchen in Southall mit ihren wundervollen Vogelgesten, und auf der Whitechapel Road die regenäugigen Mädchen aus Bangladesh, in hellen Farben und mit schweren Armbändern.

Manchmal hatte Rachel überlegt, ob das Leben dieser dunkelhäutigen Mädchen auf irgendeine Art einfacher war als ihres. Waren sie frei von den Bürden, die die moderne westliche Frau würgten und knechteten?

Sie beschloss, heute nicht darüber nachzudenken.

Heute würde gefeiert werden. Heute würde getanzt und gestrahlt werden. Heute würde der bionische Junge aus dem Irak den Preis „Kind der Hoffnung“ der Amputationsvereinigung entgegennehmen. Der vom Krieg verstümmelte Ali würde auf die Bühne steigen, in das Scheinwerferlicht der Massenmedien. Seine myoelektronische Armprothese würde vor dem Publikum surren, und er würde unverständliche Wörter sagen, die jemand in eine verständliche Rede dolmetschen würde. Der optimistische Ali würde vom Irak erzählen. Er würde von seiner leidenden Heimat erzählen, von der der Schatten des Diktators gewichen war. Dort war es heiß, dort gab es Öl und dort lebten Sunni- und Shiatsumuslime, die sich gegenseitig bekämpften. Und heutzutage lebten dort auch Amerikaner und Briten, die das zerbrechliche System unter Einsatz ihres Lebens aufrechterhielten und dem Land die Möglichkeit boten, zu genesen.

Auch Nicholas würde bei der Gala eine Rede halten. Rachel war sich sicher, dass sie großartig werden würde. Voller Weisheit und Mitgefühl mit dem Schmerz der Shiatsukinder, die bei Raketenangriffen Gliedmaßen verloren hatten.

An diesem Abend würde Rachel sich selbst und ihr lächerliches Verlangen vergessen und neben Nicholas und Ali stehen. Das Gala-Dinner war auch für die Zukunft des Rehabilitationszentrums wichtig. Es waren einflussreiche Leute zugegen.

Trotzdem konnte sie nur an eines denken.

Heute würde sie Nicholas im dunklen Anzug sehen.

Sie war sich sicher, dass Nicholas‘ weißes Hemd tadellos sein würde. Und dennoch würde in den Augen des Mannes immer noch diese gleiche Trauer aufscheinen, die sich offenbar dauerhaft in ihnen festgesetzt hatte. Vielleicht hatte Nicholas zu viele Kinder leiden sehen. Das war über ihn hinweggegangen wie ein grünes Urmeer und in seinen Augen geblieben, um dort zu wogen.

Rachel unterschätzte sich nicht. Sie kannte die Kraft ihrer Weiblichkeit. Sie hatte zwei geschickte Frauenhände. Sie wusste, dass sie die Trauer eines Mannes streicheln konnte, bis sie nicht mehr existierte. Sie konnte das so tun, dass ein atemloser Mann sich niemand anderen mehr bei sich wünschte.

Wenn der Mann nur darauf käme, sie zu greifen.

Einen Moment lang war Rachel unsicher. War Nicholas im Innern seines schlichten Wollpullovers trotzdem schwul?

Nein, das war unmöglich. Nicholas‘ Virilität war so offensichtlich und durchdringend, dass solche Verirrungen nicht möglich waren.

An manchen freien Wochenenden hatte Rachel sich einsam gefühlt. Dann hatte sie die von Tante Marigold angemietete Wohnung verlassen und war gegenüber der Queensway-Station in den Hyde Park gegangen. Sie hatte sich auf eine Bank gesetzt und die Parktauben mit maschinell aufbereiteten Sonnenblumenkernen gefüttert und war traurig gewesen. Sie fütterte die Tauben, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte machen können. Mit ihren sechsundzwanzig Jahren wusste sie bereits einiges über sich. Sie kannte ihren Brustumfang und ihre Größe, ihr Gewicht und ihre Blutdruckwerte. Und trotzdem, als sie den Tauben die Hand entgegenstreckte, spürte sie, wie in ihrem Innern etwas Unbekanntes zappelte, das größer war als sie, etwas, dessen Ausmaße nicht mit Zahlen zu messen waren.

In ihren Träumen wusste Rachel, was es war.

Es war ihre ungezähmte Liebe.

Es war ihre wilde weibliche Zärtlichkeit, die ausbrechen und an einem Mann zur Ruhe kommen wollte. Und nicht an irgendeinem Mann. Eines Nachts hatten die einsamen Lippen Rachels im Halbschlaf das verräterische Wort geschrien:

Nicholas.

Rachel Fairchild war Beschäftigungstherapeutin und Tochter eines Postboten aus Haywards Heath. Und jetzt wartete auf der Holland Street ein Taxi auf sie. Nicholas Strong wartete, Ali wartete, und die Massenmedien warteten.

Bevor sie ging, sagte es Rachel noch einmal zu ihrem Spiegelbild.

Das ist ein Arbeitsauftrag.

Das ist ein Arbeitsauftrag und nichts weiter als ein Arbeitsauftrag.

Danach kehrte sie dem Spiegel den Rücken, zog die Jacke an, nahm ihre Handtasche und ging.

3

Im Sommer 2003 war ich einunddreißig und saß, die Beine auf dem Tisch, in meinem Arbeitszimmer. In Helsingin Sanomat las ich Alpo Rusis Phantastereien über die Pax Americana und erinnerte mich an Goldens Kinder vor zwei Jahrzehnten. Das Treiben der Vereinigten Staaten war interessant geworden. Auf einem Zeitungsbild trug das Gesicht des polnischen Präsidenten Kwasniewski eine darmfarbene Miene namens „Yes Sir! Politik ist einfach“. Jeder versteht es, wenn der Mann den Presseraum des Weißen Hauses betritt und den maßgeschneiderten Anzug voller Lada-Scham hat. Ich nahm an zwei Antikriegs-Demonstrationen teil, und nicht umsonst, denn bald begann der Krieg. Ich verfolgte ihn auf CNN, in der Presse und im Internet. Ich fühlte mich mitschuldig und bedauerte es nicht, dass mir von der Welt solche Bilder, Menschen und Todesmaschinen in unaufhaltsamer Bewegung gezeigt wurden. Ich wechselte den Sender. Ich blätterte die Seite mit weicher, sauberer Hand um. In meinem Körper kreisten die dunklen Ströme der Lebenslust. Ich überlegte, dass alle unsere Waffen auf etwas Gutes und Heiliges abzielten. Uneinigkeit herrschte allein darüber, wer zu uns gehörte. Im Mai spielte jemand beim Playback im Cosmic Comic Café „Jah Jah Blowjob“ von der Don Johnson Big Band. Ich saß betrunken an einem Tisch von Studenten und hatte das Getue satt. Ich drückte die Zigarette aus und sagte: Seid mal einen Moment ruhig. Amerika ist im Westen, aber nicht nur dort. Die rechte Richtung ist es. Im Winter werden die Häuser geheizt, im Sommer klimatisiert. Das Eis schmilzt mit einem Schlag. Im Fernsehen erscheint flüchtig eine Möse.

Im Februar, einen Monat vor dem Krieg, wurde das zweite Kind meines engsten Kollegen Korpinen geboren. Korpinen wollte eine Zigarre ausgeben. Es war ein dunkler Montag. Wir rauchten im Hof vor dem Fakultätsgebäude.

Einige Jahre zuvor hatte Korpinen sich in Taija verliebt, eine intelligente, aber langweilige Finnougristin mit der Körpersprache einer Prüfungsaufseherin, die aufs Klo muss und dem Misstrauen eines sich in Amphetamin-Abhängigkeit windenden Wachmanns im Einkaufszentrum. Ich staunte über Korpinens Gefühle. Meiner Meinung nach war Taija eine freudlose Figur, ein solcher Typ Mensch, der beim Umzug in eine neue Wohnung die alte Klobürste mitnimmt. Korpinen hatte trotzdem bei ihr Erfolg gehabt, zumindest zweimal hatte er, mit der Hinterlist eines Assistenten, seinen rübenartigen Schwanz, auf dessen Spitze eine elliptische Eichel wie eine mächtige in Essig eingelegte Schalotte schimmerte, in die Finnougristin geschoben. Ich muss sagen, es war ein verblüffendes Ding. Während unserer gemeinsamen Studentenbudenzeit hatte ich gesehen, wie Korpinen ihn umständlich in mehrere hineingesteckt hatte und überlegt, dass das großköpfige Weltraumvolk der Ovoiden aus den Marvel-Comics wahrscheinlich ähnliche Mutantenschwänze in den Polymerhosen hatte.

Wir rauchten schweigend. Die Studenten in ihren Winterjacken gingen vorüber. Vom Himmel fiel leichter Schnee auf den blattlosen Ahornbaum, erbärmliche Flocken.

„Danke, Jussi“, sagte ich. „Und Glückwunsch nochmal. Ich glaube, das wird jetzt kein großer Zigarrengenuss.“

„Nein. Gehen wir Kaffee machen?“

„Ja, lass uns gehen.“

Mit den Tassen in der Hand saßen wir in meinem neun Quadratmeter großen Arbeitszimmer. Ich betrachtete Korpinens Gesicht. Die Jahre waren darüber hinwegmarschiert, wie über meines auch, und an einem solchen grauen Wintertag konnte man es kaum von der Umgebung unterscheiden, Ruinen einer zerfallenden Jugendfreundschaft.

Korpinen fuhr sich durch die helle Lockenpracht. Er berichtete, dass die Kulturgenossenschaft Aprikose eine Diskussionsveranstaltung zur Lage des Irak veranstalten wollte. Er bat mich, teilzunehmen. Ich bezweifelte, zu dem Thema etwas Originelles beitragen zu können. Korpinen meinte, man bräuchte jetzt keine Originalität. Vor allem müsse man zeigen, dass der kritische Bürgerverstand nicht erlahmt sei, obwohl die Trommelwirbel der Propaganda über uns hinweggerollt waren, ein Ringen von Gut und Böse über der Tiefe.

„Darum geht es hier. Wach zu sein. Zu zeigen, dass man eins und eins zusammenzählt. Die einfache Macht der Massen. Wo die Moral bleibt. Ach, diese verdammten Schultern.“

Korpinen verzog das Gesicht und fasste sich an die linke Schulter.

„Verflucht. Ich kann keine halbe Stunde vor dem Computer sitzen. Manchmal kann ich im Liegen kein Buch hochhalten. Eine Haltung wie ein Schlachtvieh. Der ganze Scheißkörper geht kaputt.“

Korpinens flammende Reden ließen in mir ein heimeliges Gefühl entstehen. Ich erinnerte mich an die chaotische Dreizimmer-Wohnung in der Maariankatu, in der wir in den ersten beiden Studienjahren gehaust hatten, an den Flur voller Weinflaschen und kaputter Armeestiefel und das unmöblierte Wohnzimmer. Dort hatte Korpinen die Platten von John Zorn und den Bad Brains dröhnen lassen. Sein Journalistenvater war Mitglied des antimilitaristischen Komitees der Hundert gewesen und seine Mutter eine stark linksorientierte Dozentin für internationale Politik. Schon als Kleinkind war Korpinen mit den Grundgräueln der Weltordnung dermaßen erschreckt worden, dass die Angstpisse der Bewusstwerdung in seinen Hosen gelandet war. Das hatte ihn nicht glücklich gemacht. Als wir zusammenzogen, wog er fünfzig Kilo, lebte von geklauter Schokolade und Orangen und glaubte an einen aus auswendig gelernten Zitaten zusammengeschusterten Anarchismus, an postmoderne Erzähllösungen amerikanischer Schriftsteller sowie an die außergewöhnliche Psychoaktivität von südlibanesischem Haschisch, das die Friedensidee, die Solidarität und die sexuelle Empfindsamkeit fördern sollte.

Nachdem er sich kurz auf dem Stuhl verrenkt hatte, kehrte Korpinen zur Politik zurück. Ich trank meinen Kaffee und hörte mir seine aufgebrachten Worte an. Er klang wie ein verantwortlicher Erwachsener. Ich überlegte, dass der wirkliche Grund für seine Wut der missgestaltete Schwanz war, oder genauer gesagt die Tatsache, dass er zwei Kinder in die Welt gestoßen hatte. Er war hoffnungslos zu spät, seine Wut, meine schwindende Wut, und die Wut von Millionen von Demonstranten. Die Mobilisierung war längst geschehen, jetzt war man inmitten der maskulinen Saugwirkung der operationellen Sachzwänge. Schon seit geraumer Zeit regneten die Bomben auf Mesopotamien herab.

Ich betrachtete Korpinen. Er war nicht allein mit seinen Sorgen. Hinter seiner schmächtigen Gestalt wurden die Massen sichtbar, die in den Straßen wogten. Über den gesamten Planeten hinweg hatten sich Friedensorganisationen, die Anti-Globalisierungsbewegung und andere Bürgernetzwerke zu einer Front gegen den Krieg vereinigt und gewaltige Menschenmengen mobilisiert. Unzählige Jugendliche, Alte, Arbeiter, Kinder, Studenten, Homosexuelle, Linke, Rechte, Beamte mittleren Alters, Muslime, Veganer, Soldaten, Hindus, Professoren, katholische Nonnen, Promis und Immigranten und wer weiß wer noch nahmen zum ersten Mal an Demonstrationen teil, sogar ich. Das warf Fragen auf. Was erweckte den Zorn der Bürger? War nicht die amerikanische Übermacht – zumindest in Europa – als genauso natürliches Axiom des Daseins akzeptiert gewesen wie zum Beispiel die Tatsache, dass Sauerstoff in die Zellen überführt werden muss, damit man am Leben bleibt? Bush wurde gehasst, aber diese Proteste richteten sich nicht gegen seine Fähigkeiten oder seine Person. Und bedachte man die naive Beziehung der Leute zu der Scheiße ihrer eigenen Regierungen, war es wohl übertriebene Wahrheitsliebe zu glauben, dass die Lückenhaftigkeit und Widersprüchlichkeit der Argumente für den Krieg die Wut hervorgerufen hätten. Auch bloßer Pazifismus konnte nicht der Grund sein, denn all dies geschah ja bereits, hinter dem Marschgetöse, für Blicke wie Gehör unerreichbar, im Sudan, im Kongo, in Indonesien, in Afghanistan und in Russland, gerade in diesem Augenblick, soeben, ohne dass jemand protestierte, obwohl es bekannt war und man wusste, wohin es führte.

Korpinen schaukelte nachdenklich mit seinem Stuhl. Die Lehne schlug gegen die Wand. Seine lang gewordenen Haare verdeckten die rechte Gesichtshälfte. Der Oberkörper unter dem weißen Hemd sah jungenhaft zierlich aus, und die aufgekrempelten Ärmel entblößten dünne blasse Arme, auf denen helle Haare wuchsen. Er war ein Mann von dreißig Jahren. Er hatte dreißig Jahre lang mit Menschen gelebt. Man könnte ihn schnell auf seinem Stuhl töten, zum Beispiel mit einem bloßen Kugelschreiber, und man würde um ihn trauern.

Ich rührte in meinem Kaffee. Die Luft im Arbeitszimmer war schwer. Ich fühlte mich stumpf. Wenn es Krieg geben würde, und natürlich würde es das, dann würde der Krieg wie aus eigener Kraft einsetzen, und Straßen, Brücken und Gebäude würden zerstört werden, und Menschen würden sterben wie sie in Slumkriegen sterben, auf menschliche und unmenschliche Art, allein, in Gruppen und familienweise, als Halbwüchsige und Alterslose, ohne Beine, ohne Arme und ohne Köpfe, zusammengerollt zu einer zerschossenen Militäruniform, gefallen auf der eigenen Türschwelle, mit suchenden Händen, im Staub zusammengebrochen wie von irgendwo heruntergestürzt, von einer in einem Hundekadaver versteckten Bombe verstümmelt, in Flammen stehend oder in schmutziger Unterwäsche oder mit blutigem Hidschab über den Augen, in allen scheußlichbunten Todesstellungen, im Beschuss der eigenen Leute, unter den Stiefeln der Feinde, in übervollen Krankenhäusern und in von Großeltern geerbten Ehebetten. Sie würden sterben und betrauert werden. Irgendwo würde ein kompromissloser Mann seine Krawatte zurechtrücken und sagen: Die Berechnung stimmt. Jemand würde ein Tuch über das Gesicht seines Mädchens legen. Die Toten wären hauptsächlich arme, durch klan- und sektengebundene Auseinandersetzungen hart gemachte Menschen in abgelegenen Gegenden, deren Leiden auf den Bildern, die den Westen überschwemmen würden, wie ungeheuerliche Kinderspiele aussahen, wie die selbst verursachte Folgenschwere eines verworrenen Lebens. Wir könnten darauf vertrauen, dass die Bilder verschwinden würden, sobald die wahrscheinlich kurzen kriegerischen Aktionen vorbei waren. Die Gewalt würde die Energieinteressen des Westens sichern und die erfolgreiche Machtpolitik im Nahen Osten fortführen. So hatte man es immer gemacht. Was im Irak geschah, gab eigentlich keinen Anlass zu außergewöhnlicher Wut. Dennoch protestierten ganze Völker.

Ich hob die gelbe Tasse mit ihrem dicken Boden und trank den kalt gewordenen Kaffee. Einige Jahre zuvor hatte ich meinen Namen auf die Tasse geschrieben. Die schwarzen Filzstiftbuchstaben waren jetzt abgescheuert. Es gab auf der Welt immer noch etwas zu erleben und zu bestaunen.

„Bakunin“, sagte ich. „Sag was von Bakunin.“

„Was?“

„Bakunin. Wie in alten Zeiten. Sag ein Zitat.“

„Ach, ob mir da noch was einfällt.“

Korpinen lehnte sich in seinem Stuhl zurück, öffnete vollständig die Augen und sah schräg nach oben, wie ein Kind, das eine Rechenaufgabe löst. Er sah schön aus, unter seinen zarten Wangenknochen breitete sich ein Lächeln aus, als wäre seinem Körper beim Sprechen etwas Genussvolles zugestoßen:

„Ja, unsere ersten Vorfahren… unsere Adams und Evas waren…, wenn nicht Gorillas, doch sehr nahe Verwandte des Gorilla, Omnivore, intelligente und wilde Tiere, die in unendlich höherem Grade als alle anderen Tierarten die zwei wertvollen Fähigkeiten besaßen: die Fähigkeit zu denken und die Fähigkeit, das Bedürfnis, sich zu empören.“

„Exzellent. Da läuft es einem kalt den Rücken runter.“

„Womit hat das jetzt zu tun?“

„Ist mir nur eingefallen. Du warst eine unglaubliche Erscheinung, als du jung warst. Ein dürrer Grashüpfer im schwarzen Clownskostüm. Immer den Mund offen. Auch in den Vorlesungen. Die Mädchen haben dich für halb verrückt gehalten.“

„Sag bloß nicht, dass dich jemand für klug gehalten hat.“
„Bakunin. Ein Anarchist, dem der Skorbut die Zähne genommen hatte. Was hast du gemacht, als Taija am Entbinden war und das Kind war in Steißlage, oder wo in der Möse war es nochmal? Hast du auf dem Flur der Uniklinik staatsfeindliche Parolen gerufen?

„Die habe ich gerufen, als ich zwanzig war.“

„Und jetzt Staatsbeamter. Vielleicht wird der Mensch stärker als andere Kreaturen von diesem wertvollen Talent gesteuert, sein Mäntelchen nach dem Wind zu hängen.“

Ich stellte die Tasse auf den Tisch. Ich betrachtete den winterlichen Asphalt, die vereiste Henrikinkatu und die schneeigen Dächer der Piispankatu. Im Mittagslicht waren die Bäume nutzlose schwarze Holzstangen. Von der Sonne war keine Spur zu sehen. Jedes Jahr werden wir hier eingefroren, im hygienischen Norden.

„Hab ich dir von Goldens Kindern erzählt?“

„Von was?“

„Von Goldens Kindern. Das ist ein altes Spiel von meiner Schwester und mir. Johanna hat es erfunden. Als Kind. In Italien. Auf einem Schiff auf dem Gardasee.“

„Nein, hast du nicht.“

„Wir haben das auf Reisen gespielt. Im Zug oder auf dem Schiff oder im Flugzeug. Unglaublich, dass ich überhaupt versuche, davon zu erzählen. Es ist schwer zu erklären. Es beruht auf dem Gefühl, zu den Auserwählten zu gehören. Auf die eine oder andere Art zu den Reichen. Zu denen, deren Leben schön und einzigartig ist.“

Ich beschrieb Korpinen, wie das Spiel immer damit anfing, dass entweder ich oder Johanna sagte: Hier sind Goldens Kinder. Zu zweit auf Reisen. Dann richteten wir uns auf, setzten eine bestimmte Miene auf, die Miene von Goldens Kindern, die adlig selbstbewusst, aber durchaus modern war. Wir sahen einander an und wussten, was wir fühlten. Vater und Mutter verschwanden im Hintergrund, all ihre blöden Ratschläge. Wir wollten, dass man glaubte, wir reisten zu zweit. Wir wussten, was wir wollten, und unser Weg führte uns immer nach Westen.

„Bakunin sagte, dass der Glaube an den Nationalstaat der historische Verfall des Reiches Gottes ist. Ich glaube, Goldens Kinder waren der einzig religiöse Gedanke in meinem Leben. Zumindest annähernd religiös. Wenn man so ein paar Drogenabenteuer nicht mitzählt. Und die Freude am Vögeln, wenn man frisch verliebt ist.“

„Werd mal ein bisschen genauer.“
„Überleg mal. Das war Anfang der Achtziger. Die sympathischste Eigenschaft von uns Finnen ist die an Invalidität grenzende Unfähigkeit, uns selbst für ein auserwähltes Volk zu halten. Wir fühlen uns sicher, wenn wir uns selbst als ein Volk sehen, dem die Wahlfreiheit genommen wurde, ob nun vom Osten oder vom Westen.“

„Versteh ich nicht.“
„Johannas und mein Spiel spiegelte die Zeit wider, in der man unter der Oberfläche geil war auf den Westen. Trotzdem ging es um Einzigartigkeit. Traurig, dass man erst als Erwachsener anfängt, die Spiele der Kindheit zu verstehen. Einzigartigkeit. Heißt das, dass der Tod anderswo gesichtslose Massen niedermäht?“

„Du hast diese Erläuterung rekordverdächtig schlecht ausgeführt. Diese ganze Familie Gold bleibt vage.“

„Egal. Wir sitzen hier und reden und trinken Kaffee. Zu mehr sind wir nicht im Stande. Trink deinen Kaffee, bevor er kalt wird. Ich geh nicht zu dieser Aprikosen-Veranstaltung. Mir fällt nichts mehr ein, worüber ich reden könnte.“

Wenn ich heute an Korpinen und mich in meinem Arbeitszimmer an diesem lange zurückliegenden Wintertag denke, sehe ich uns als durchsichtige, flüchtige Wesen, die ihre Kaffeetassen heben und mit ihren blassen nordischen Gesichtern klugscheißen. Von Kindheit an strömt die Gewalt des Planeten als unzusammenhängende Bilderflut durch uns hindurch. Es gibt so etwas wie unsere Meinung zu den Dingen. Wir können sie auswählen und sie ändern, während wir in einem kleinen Zimmer diskutieren. Und es gibt die Welt, die uns zu jeder Sekunde auf unsere Machtlosigkeit hinweist, die zeigt, dass in diesem Raum zwei überqualifizierte Ideenimpotente Haarspalterei betreiben.

Jener Frühling erscheint wie eine vergangene und gespensterhafte Zeit. Und so erscheint auch jenes ganze Jahr und erscheinen all die merkwürdigen und traurigen Dinge, die sowohl der Welt als auch mir damals passierten. Aber ich verstehe heute manche meiner damaligen Ansichten besser.

Ich schwang träge mein Plakat und marschierte bei den Antikriegs-Demonstrationen mit, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund wie viele andere Europäer. Der Krieg drohte uns die tröstliche Illusion von den Augen zu reißen, dass wir das Zeitalter der politischen Visionen hinter uns hatten.

Natürlich wurde der Krieg wegen Öl und Macht geführt. Würde sich sonst jemand die Mühe machen und in einem Misthaufen wie dem Nahen Osten Krieg führen? Aber neben dieser verständlich realistischen Kriegsrequisite beinhaltete dieser Krieg eine idealistische Dimension. Es war eine Politik, die darauf abzielte, die Welt nach einem Ideal zu verändern. Und genau davon wollten wir Europäer weg, von dem Bestreben, die Welt zu verändern. Der Zweite Weltkrieg hatte die Überreste des uralten Größenwahnsinns dieses Kontinents in die Wellen des Atlantiks und des Mittelmeers gespült. Das Ende des Kalten Kriegs hatte uns von der Unannehmlichkeit befreit, Partei ergreifen zu müssen. Nach diesen tödlichen Verwicklungen hatten wir erleichtert aufgeseufzt und die Realität der Wirtschaft als Pfand übergeben.

Wir lebten auf einem europäischen Friedensinselchen, in der Symbiose von beständigem bürgerlichen Glück und Sozialdemokratie, in einer Zeit, in der die Investmentfonds unendlich wuchsen und Containerfrachten als Billigkonsumgüter umherwanderten. Wir hatten uns an eine Welt von Ertragserwartungen und Zinsobergrenzen angepasst, die einen tatkräftig, die anderen als Außenstehende. Bei Diskussionen über Wettbewerbsfähigkeit und gerechte Einkommensverteilung konnten wir noch ein wenig rot werden. Aber wir ertrugen keinerlei visionäre Politik mehr.

Wir glaubten bereits, dass wir die Welt so verdient hatten, wie sie ist. Wir verdienten die Reklamen der Großunternehmen auf den Dächern unserer Städte. Wir fühlten uns ihres sanften und klaren Lichts würdig. Aber dennoch waren wir in all unserem Wohlstand weniger westlich als die Amerikaner. Uns fiel es schwerer, an einen gerechten Krieg zu glauben.

5

Der große Laubbaum vor unserem Haus war im Lauf des Tages gefällt worden, die Äste ausgeschnitten und der Stamm zerkleinert.

Ich betrachtete den Baum. Wer hatte ihn fällen wollen? Vielleicht war er morsch gewesen, eine Esche oder eine Ulme, oder was es noch für Edelhölzer gab, Stadtbäume, die am Abend in den Parks und an den Straßenrändern dunkel wurden, deren Äste zu hoch waren, als dass Jungen hinaufklettern, Männer sich erhängen können.

Ich wollte den Baum berühren, seine Fasern erfühlen und ein schnell verschwindendes Gefühl erleben. Ich zog Turnschuhe und Socken aus. Barfuß ging ich auf den Rasen. Ich hielt an. Aus dem Baum strömte schlechter Geruch.

Es war ein stechender Essiggestank, der Erinnerungen an das Dunkel in der hinteren Ecke des Viehstalls hervorrief, an Kotklumpen, die unter Tierbäuchen hingen, an das Gestampf von Klauen, an den im Fernsehstudio lachenden Jarkko Turkka und an den Intimbereich eines obdachlosen Shizophrenen.

Ich setzte mich auf den Stamm. Mit den Fingerkuppen strich ich über die raue Rinde. Ich atmete tief ein. Früher Abend. Nachhausekommen, während die Sonne auf die Schultern brennt. Über dem Fluss schrie eine Möwe. In den oberen Fenstern des fünfstöckigen gelblichen Steinhauses spiegelte sich der blaue Himmel. Das rief keine sonderlichen Gefühle in mir hervor, so viele Sommer waren vergangen, bleiche Himmel mit Wolken und Schwalben, Schatten, die sich darunter an den Wänden langziehen, das Geräusch der Berieselungsanlage und die auf den Asphalt welkenden Blütenstände des Geißblatts und vorpubertäre Mädchen, die aus dem Hauseingang ins Freie rennen, immer noch kindlich in ihren Sommerkleidchen, aber mit schmerzenden Brüsten, und die ihre letzten Runden im Tretkarussell drehen.

Neben meinem Fuß im Rasen zappelte etwas. Ich bückte mich.

Es war eine zirka zehn Zentimeter lange, daumendicke Larve in der Farbe von rohem Fleisch. Ich kniete mich hin.

Die Larve hatte wuchtige Kiefer in ihrem dunklen Kopf, auf den Seiten gelbliche Flecken. Aus ihrem Hinterlaib stand ein kleiner Messingnagel hervor. Ich streckte die Hand aus und ergriff die Larve. Sie wand sich auf meiner Handfläche. Die Bauchunterseite war voll scharfer Beinpaare. Aus der Wunde, die der Nagel verursacht hatte, floss eine klare Flüssigkeit. Der irre machende Geruch kam von der Larve. Ich sah sie an. Was soll sie noch mit ihren Kiefern, ein Nagel im Fleisch, warum, sie leidet doch, natürlich umsonst, und an dieses Gefühl erinnere ich mich noch aus der Kindheit, das Staunen, wie groß und unbegreiflich die Welt ist, obwohl man sie hier betrachtet, man jetzt dort ist.

Wir gehen nach Hause, überlegte ich, nahm meinen Hut ab und setzte die leidende Larve vorsichtig hinein. Ich schwang mir den Rucksack auf die Schulter, nahm die Turnschuhe in die eine Hand, den Hut in die andere und überquerte den Rasen, ging über Kies und Asphalt.

Im Hauseingang lehnte ein kahlköpfiger junger Mann, ein drahtiger Muskelberg mit Tarnhosen und schwarzem T-Shirt, der überall auf den Armen tätowiert war und ein Geschenk in der Hand hielt, das mit einem goldenen Band dekoriert war. Er drückte auf einen Klingelknopf.

„Halt mal“, sagte ich und streckte ihm den Hut entgegen.

Der Mann sah mich an und nahm den Hut, und ich kramte mit der freien Hand die Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf.

„Hereinspaziert.“

„Ich wohne nicht hier“, sagte der Mann, starrte irgendwohin in die Ferne, am Haus und an der Situation vorbei, und hielt den Hut, als würde er betteln.

Ich nahm den Hut und ging hinein.

8

Inna stand mit dem Rücken zu mir im Flur. Wie schlank sie ist, dachte ich. Ein Kind könnte sie umwerfen.

„Niklas, Lieber, könntest du?“, sagte Inna und drehte sich um.

Sie hielt eine schwarze Tasche in den Armen. Ich schleuderte die Turnschuhe in die Ecke. Rucksack und Hut legte ich auf den Telefontisch. Inna schaute ernst und reichte mir die Tasche wie den Sarg eines kleinen Wesens. Ich nahm sie würdevoll entgegen, brachte sie ins Bibliothekszimmer, öffnete den Schrank, streckte mich, um die Tasche ins obere Fach zu legen und dachte: Niklas, Lieber, könntest du, sagt Inna. Und ich verstehe sofort. Das war unglaublich. Niklas, Lieber, könntest du. Drei inhaltslose Wörter, und ich verstehe sofort. Das machen die langen gemeinsamen Jahre. Von Jahr zu Jahr reichte weniger aus, um zu verstehen, machte man immer wildere Interpretationssprünge. Aber warum wirkte das von Jahr zu Jahr stupider?

Ich stand da. In der Vertrautheit verbarg sich ein Widerspruch, oder im Menschen im Allgemeinen, ein grausamer und lächerlicher Widerspruch. Vielleicht rechtfertigte das die Kontaktanzeigen der Zeitungen. Habermas hatte natürlich in jeder Kongressstadt eine feste Hure mit stattlichen Oberschenkeln. Mir fiel die Larve ein. Ich ging zum Bücherregal und nahm einen dicken Insektenbildband aus dem unteren Fach. Ich blätterte die Seiten um und sah mir die Bilder der Käfer an. Inna kam ins Zimmer.

„Lief die Arbeit?“

„Nein. Ich hab eine Kolumne geschrieben“, sagte ich und blätterte in dem großen Buch.

„Ist der neue Stuhl gut?“

„Man kann sich darauf schlecht konzentrieren.“

„Das ist die Hitze. Du musst duschen. Du bist reingekommen und jetzt riecht es hier, im Wohnzimmer riecht es und im Flur auch.“

„Ich kapiere es auch weniger direkt.“

„Sei nicht beleidigt, kleiner Liebling“, sagte Inna, lehnte sich an mich und fuhr mir durch die Haare.

„Bin ich nicht. Fühlst du dich schlapp?“

„Ich war heute morgen so froh, dass ich dich habe.“

„In Paris sind Hunderte an Hitzeschlag gestorben. Das ist immerhin die Hauptstadt der Romantik.“
„Red mit mir, über was du willst, aber nicht über die Ereignisse dieser Welt. Draußen haben sie einen Baum umgesägt.“

Inna ging. Ich blätterte im Buch. Eine rote Larve war nirgends zu sehen. Auf einem doppelseitigen Vierfarbbild fand ich einen merkwürdigen grünen Käfer, ein wandelndes Blatt namens Gespenstschrecke, phyllium siccifolium. Armes Wesen. Der Intellektuelle der Insektenwelt. Andererseits war es wohl nicht so merkwürdig, das kommt auf den Grad der Einsamkeit an, vielleicht könnte man sich auch in einem solchen wandelnden Blatt wiedererkennen, die eigenen gattungstypischen Schmerzen, Trug und Schande des Menschen. Wenn man alleine wäre, wenn man niemanden hätte.

Riku Korhonen: Geschichten aus zweien und einer Nacht – Roman

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Aus dem Finnischen von Alexandra Stang

S. 7-8

Reponen, Tane, Aleksi und Klein-Juha – mit dem Bogen auf dem Rücken kletterten wir damals den Pfad zur alten Müllhalde hoch. Die Pfeile standen aus unseren Stiefeln heraus. Es war April. In den Pfützen des Feldes spiegelte sich der undurchsichtige Himmel, in den wir unsere Pfeile schießen wollten.

Das Feld bei der Müllhalde war der höchste Punkt unserer Siedlung. Von dort aus sah man das Einkaufszentrum, die Bibliothek und den Trimm-dich-Pfad des Schulwaldes; man sah die Hochhäuser der Tora-alhon-Straße ebenso wie die Häuschen in den Schrebergärten. Am grünlichgrauen Ufer von Kapeasalmi schimmerte der dichte Fichtenwald auf dem Sovinnonvuori. Unter uns waren unsere Häuser; über den Gebäuden, die erst halb fertig waren, drehten sich leise brummende Kräne, gelbe Totemtiere der Hoffnung. In der Ferne lag das Stadtzentrum mit all seinen Kirchen, seinen Narben. Hier war alles erst im Entstehen. Das Geprahle zehnjähriger Jungen spannte sich in uns und trug uns weit wie Geronimos Bogen.

Wie einen Schatz bewahre ich dieses Bild in mir: Fünf Jungen stehen auf einem weiten Feld und zielen, einer nach dem anderen, mit ihrem Bogen gen Himmel. Die Pfeile flitzen los und steigen in die Höhe. Auf dem Scheitelpunkt ihrer Bahn verlieren sie sich in der Ununterscheidbarkeit, drehen um, fallen immer schneller, bis die Stahlspitze schließlich senkrecht im Boden steckt. Immer wieder von neuem flitzen die Pfeile los. Fünf Augenpaare folgen dem Flug eines jeden: Ist es dein Pfeil, der nicht mehr in den Matsch sausen wird?

Nie durchbrachen unsere Pfeile das Firmament über der Müllhalde. Wir erfanden ein spannenderes Spiel.

Wir stellten uns im Kreis auf. Der Reihe nach schossen wir auf gut Glück unsere Pfeile in den Himmel. Grinsend sahen wir uns an und warteten: Ist es dein Pfeil, der in irgendeinen unglücklichen Schädel krachen und darin stecken bleiben wird?

Ich weiß nichts mehr von euch, Reponen, Tane, Aleksi und Klein-Juha. Ich weiß nicht, wie weit euch euer Geprahle über das Feld bei der Müllhalde hinausgeschossen hat; und genauso wenig weiß ich, wie die Pfeile euch seither erwischt haben, die am Scheitelpunkt von Vergangenheit und Zukunft herabregnen. Aber ich erinnere mich an euch unter diesem undurchsichtigen Himmel und ich weiß, wo ich herkomme.

Deshalb bewahre ich dieses Bild in mir wie einen Schatz: Fünf Jungen stehen im Kreis auf einem weiten Feld und warten. Die Gesichter dieser fünf Jungen grinsen mit der brutalen Mutwilligkeit derjenigen, die auf die ihnen gegebene endlose Zeit vertrauen. Alles ist erst im Entstehen, der Pfeil steigt in die Höhe, unerprobtes Stahl an seiner Spitze, Unschuld heuchelnd, aufrichtig klar.

S. 77-81: Träumen Superhelden von Schwäche?

An den Sommerabenden gingen wir mit dem Schmetterlingsnetz über den Schultern durch die Tore der Schrebergärten in der Tora-alhon-Straße und ließen die Belehrungen der Erwachsenen aus unseren Köpfen raus. Weil ich der Jüngste war, ging ich am Ende der Truppe. Sowieso war ich nur dabei, weil mein großer Bruder der Vorlauteste der Jungs im Hof war und am besten prügeln konnte. Ich imitierte den Gang meines Vordermannes und machte die unglaublich natürlich wirkende Art zu spucken nach, indem ich die Spucke zwischen meinen Vorderzähnen sammelte und genau zielte. Auf den verzweigten Schotterwegen erfand ich mich nach meinen Vorbildern; ich hatte mich nie zuvor freier gefühlt.

Der nächtliche Schrebergarten war die umgekehrte Welt der Erwachsenen, die die Wirklichkeit der Betonbauten unserer Vorstadt beherrschten. Dort konnten wir im Schutze des Dämmerlichtes unsere Berufung zur Ungehorsamkeit verwirklichen. Wir streiften in duftenden Höfen umher und sammelten Äpfel, Beeren und Erbsenschoten in unsere Schmetterlingsnetze. Den Gartenzwergen malten wir Geschlechtsorgane auf und wir warfen die Rasenmäher in den Gärten an. In die Schaumstoffkissen der Gartenstühle steckten wir Dornen der Weißdornhecken und wir rauchten unzählige von unseren Eltern stibitzte Zigaretten, deren Nikotin uns sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegzog und einen üblen Geschmack im Mund hinterließ.

Einmal entdeckten wir ein junges Liebespärchen am Fuß eines Felsens, der am Ende der Schrebergärten lag. Unbemerkt verfolgten wir die stöhnende Leidenschaft vom Gipfel des Hangs aus, bis mein Bruder seinen Hosenschlitz öffnete und die sich Liebenden mit einem Pissestrahl duschte.

Nacht für Nacht fingen wir mit unseren Netzen Falter, die sich in den Lichtkegeln der Hoflampen und um die Blumen des Gartens versammelten, sperrten sie in vernichtend riechende Gläser mit Essigäther und beobachteten durch das Glas ihr allmählich schwächer werdendes Zappeln. Ich erinnere mich, wie mir dabei eine grausame Symmetrie bewusst wurde: Während wir selbst nachts völlig frei umherstreiften, beraubten wir gleichzeitig die von uns gefangenen Falter genauso völlig ihrer Freiheit.

Dieses Geheimnis offenbarte ich keinem, nicht einmal meinem Bruder. Der hätte mich nur ausgelacht. Ich sah die Wirklichkeit, indem ich mir im Spiegel in die Augen sah. Ich spürte sie beim Laufen in mir oder wenn ich mit meinem Rad die Hügel der Uferstraße entlangjagte. Die Große Wende würde kommen. Wann und wo auch immer. Noch war ich zwar kein Waisenkind, aber vielleicht würde meine Familie bald bei einem Überfall, einem Autounfall oder einem Erdbeben ums Leben kommen.

Dann bräuchte ich einen Meteoriten, ein uraltes Geheimwort, einen elektrischen Schlag oder ausreichend radioaktive Strahlung. Wenn wir in der Mittagsglut mit unseren Schmetterlingsnetzen auf den benachbarten zirpenden Wiesen umherstreiften, schloss ich unter den Hochspannungsleitungen die Augen und wartete auf einen betäubenden Schlag. In den Hinterhöfen der Häuser suchte ich nach giftigen Metallbrocken, die aus dem Weltraum dort aufgeprallt waren und meine bisherige Molekülstruktur zerstören würden. Wenn ich den Aufzug betrat, erforschte ich die Reaktion meines Körpers auf Röntgen- und F-Strahlen. Zumindest wollte ich einen Superblick, ein Supergehör und Superkräfte, gerne auch Unsichtbarkeit, telepathische Fernstreckenkräfte und gummiartige Dehnfähigkeit.

Ich würde die Vorstadt in Staunen versetzen. Auf meinen Überwachungstouren zeigen die Leute mit dem Finger auf mich und wiederholen meinen Namen. Welchen wusste ich zwar noch nicht, denn ich kannte meine zukünftigen Fähigkeiten ja noch nicht, ich wusste aber, dass ich ein Retter der Schwachen und Gepeinigten bin, der Vernichter alles Bösen und Falschen, das mächtigste und geschätzteste Wunderkind des Erdballs und des Universums. Gewalt wende ich natürlich angemessen an, nicht zuviel, nicht einmal, wenn ich mit meinen Fäusten einen Leutnant der Psycho-Cyborgs zu Boden schlage. Den galaktischen Zerstörungskräften sauge ich ihr Supersoldatenserum aus und baue innerhalb von sechs Minuten ein Stadtviertel mit kostenlosen Mehrfamilienhäusern für die Armen. Mit Hilfe meiner Hyperwissenschaft entwickle ich einen AKI, einen Alle Krankheiten Impfstoff. Habe ich genug von der Einsamkeit meiner Arbeit, gründe ich eine ASAhS, eine Abteilung des Superheldentums, der Abenteuer und der häuslichen Sicherheit. Das erste Mitglied ist ein Mädchen, das am Registrierungsschalter angibt: Mein Name ist Zirdra, ich komme vom Saturn, ich bin eine Waise.

Wenn ich mir vorzustellen versuchte, wie ich meine Freizeit in meinem geheimen Stützpunkt verbringen würde, so zerfloss alles. Ich hatte beschlossen, dass ich kein Doppelleben im Stile von Clark Kent oder Peter Parker führen wollte. Das ist nervig, stillos und verlogen. Ich wäre immer ein und derselbe, ein Superheld bei der Arbeit wie nach Feierabend. Das rief Fragen hervor. Was würde ich tun, alleine auf meinem Stützpunkt? Würde ich mich nur ausruhen und die sich über mir wölbende kernladungsfeste Schlafkuppel anstarren, oder bräuchte ich sowieso kaum Erholung? Wäre Zirdra bei mir? Könnten wir Autos aus Lakritz essen und Galactica ansehen? Oder Modern Talking hören? Oder müssten wir etwas Erwachseneres tun? In keinem der Comics, die ich gelesen hatte, wurden solche Dinge ausführlich genug behandelt. Mussten minderjährige Superhelden Hausaufgaben machen? Oder zahlten sie gleich Steuern? Würde mich jemand zum Fußballspielen mitnehmen? Eine bestimmte Frage schien mir besonders schwierig: Wovon können Superhelden noch träumen? Träumen sie von Schwäche? Ich beschloss nicht zuzulassen, dass diese Probleme meine Karrierepläne zerstörten. Ich sah die Wirklichkeit, indem ich mir im Spiegel in die Augen sah. Die Große Wende würde kommen.

In einer lauen Nacht saßen wir mit einer Gruppe von fünf Jungen auf dem Spielplatz, der sich im Zentrum der Schrebergartenkolonie befand. Aleksi erzählte Gespenstergeschichten über den Flossenmann vom Sovinnonvuori. Der Vorstadtmythos über den Flossenmann bekam stets neue Dimensionen und Eigenarten, die von den Ängsten des jeweiligen Erzählers abhingen. Aleksi war talentiert, mit seiner ruhigen Stimme ließ er blutige Bilder vor uns entstehen. Mein Bruder unterbrach ihn irgendwann und meinte, er hätte eine nettere Geschichte zu erzählen. Er nahm ein rotes Jojo aus seiner Tasche und ließ es, je nach dem wie die Schnur sich bewegte, hoch- und runterschnellen. Ich erkannte das Jojo. Er gehörte Wasserkopf, dem geistig etwas schwerfälligen Jungen, der bei uns im Haus wohnte. Mein Bruder und zwei der anderen Jungs hatten Wasserkopf in einem Schrottauto am Uferweg beim Onanieren überrascht. Sie hatten Wasserkopf Schuhe und Hose weggenommen und ihn splitterfasernackt mitten in den Brennnesseln stehen lassen. Außer dem Jojo waren in den Hosentaschen noch ein Geldbeutel und Hausschlüssel.

- Was ist onanieren?, wagte ich zu fragen.

- Na, wichsen, du Idiot, antwortete mein Bruder. Ich vermutete, dass diese Sache etwas mit der zuckenden Bewegung des an der Hand hoch- und runterschnellenden Jojos zu tun hatte. Später in der Nacht ging meinem Bruder ein großer Ligusterschwärmer ins Netz (ein Sphinx ligustri; ich erinnere mich immer noch an über zehn lateinische Namen von Schmetterlingen), den er noch nicht in seiner Sammlung hatte. Ich selbst konnte mich kaum auf die Schmetterlingsjagd konzentrieren, denn in meinen Kopf schwirrten zwei beunruhigende Gedanken herum: Ich wollte genau wissen, wie man onanierte, und ich konnte das Bild des splitterfasernackten Wasserkopf, der in den Brennnesseln saß, nicht verdrängen.

Der Morgen dämmerte bereits, als wir nach Hause kamen. Wir brachten die Schmetterlingsnetze und die Gläser mit Äther auf den Balkon, aßen die Butterbrote, die unsere Mutter in die Küche gestellt hatte und gingen schließlich schlafen. Ich hörte, wie der Atem meines Bruders allmählich gleichmäßiger wurde und dachte an Wasserkopf, der in den Nesselbüschen mit einem Jojo onanierte. Das war ein trauriger Gedanke. Ich hatte Mitleid mit Wasserkopf und spürte, wie mein Zorn auf meinen im Schlaf schnaubenden Bruder wuchs. Das kam nur sehr selten vor, denn er war ja das wichtigste meiner lebenden Vorbilder.

Schließlich stand ich auf, ging durchs Zimmer, öffnete die Balkontür und zog das Ätherglas meines Bruders aus der Balkonecke hervor. Durch das Glas hindurch betrachtete ich den stattlichen Schwärmer, der auf den Köpfen der kleineren Schmetterlinge lag. Noch war er nicht ganz bewusstlos, seine Flügel zitterten noch schwach. Ich öffnete den Deckel. Vorsichtig nahm ich den Schwärmer in die Hand und warf ihn über die Brüstung.

Den Morgen über lag ich noch lange wach. Ich dachte über das traurige Mysterium des onanierenden Wasserkopf nach, aber nun quälte mich auch noch die Angst, die meine ungewohnte Tat hervorrief. Ich hatte eine Wahl getroffen, die ich nicht ganz verstehen konnte: Um meinen Bruder zu bestrafen, hatte ich einem Falter seine Freiheit zurückgegeben und durch die Folgen einer merkwürdigen Symmetrie gleichzeitig die Vollendung meiner eigenen Freiheit abgelehnt. Ich lag wach und wünschte mir meine Freiheit zurück, den sicheren Ort der Nachahmung am Ende der Truppe.

S. 169-174: Zapfenstreich (Triptychon)

1.

An der Tür sah er mir in die Augen. Das ist Eino, dachte ich. Diese Aktentasche und dieser Name – Ei/no – wie eine doppelte Verweigerung. Ich versuche den Tag zu verkürzen, sagte er. Der hat schon eine bestimmte Länge, die kann man nicht so einfach verkürzen, sagte ich. Schön, und schon bist du fröhlicher, sagte er. Klar bin ich das, sagte ich. Mit verkürzen meinte ich, dass wir Zeit haben, uns zu unterhalten, sagte er. Ja, sagte ich, dafür braucht man Zeit.

Er fasste mich an der Schulter, drehte sich um und ging.

Das Haus begann zu wachsen, wie immer, wenn ich alleine zurückbleibe. Hier bedeutet die Entfernung von einer Wand zur anderen nicht viel, auch leerer Raum entsteht ja nicht aus Metern und Zentimetern. Das ist Einos und mein Haus. Ich ging vom Flur in die Küche, von der Küche ins Wohnzimmer, von dort in den Flur und vom Flur aus die Treppe hoch ins Schlafzimmer und wieder zurück nach unten. Ich war da, wo ich angefangen hatte, aber ich war auch woanders gewesen. Das ist ein großes Haus. Hier kann man immer woanders sein, wenn man Abwechslung braucht.

Ich ging ins Wohnzimmer und setzte mich aufs Sofa. Vor mir sah ich grün, eine Pflanze, und braun, eine Kommode. Durch das Fenster schien Licht, das so hell war, dass man meinen könnte, es fehle ihm die Fähigkeit, Schatten zu erzeugen. Die Äste der Birken bewegten sich und die Wellen auf dem Meer leiteten ihre Reflexion weiter. Ich legte mich hin und sah die Decke. Weiß. Vom Lüftungsfenster war ein Rauschen zu hören. Ich erwachte aus einem Traum, in dem jemand weinte und von mir verlangte, einen Topflappen zu stricken. Mein geheimes Traumleben, dachte ich. Von Mikko träume ich nicht mehr, selbst von da ist er verschwunden. Ich stand auf, um ein Gefäß aus der Küche zu holen, nahm eine Glasschüssel aus dem Schrank, stellte sie auf den Tisch und schüttete Schokorosinen hinein.

Mit vollem Mund saß ich auf dem Sofa. Der Kiefer mahlte und der Rachen spielte. Immer neue Hände voller Rosinen verschwanden in mir. Als mich der Geschmack langsam anekelte, ging ich vom Wohnzimmer in die Küche, von der Küche in den Flur und von dort die Treppe hoch ins Schlafzimmer und zurück in die Küche und stopfte alles mögliche in mich hinein. So wollte ich es. Der Rachen spielte. Leerer Raum entsteht nicht aus Metern und Zentimetern. Das ist Einos und mein Haus.

Ich stand vom Sofa auf und sah mir im Fernsehen eine Motorsport-Sendung an. Eino sollte dort sein, dachte ich, als ein Unfall passierte, oder ich. Mein Magen schmerzte. Ich ging ins Badezimmer, öffnete meinen Morgenmantel und setzte mich auf die saubere weiße Schüssel. Ich dachte an eine Eidechse, deren Loch sich dehnt, wenn ein Ei daraus hervorkommt, aus dem eine Eidechse schlüpft, deren Loch sich dehnt, wenn daraus ein neues Ei hervorkommt. Die klare, ineinandergreifende Ordnung dieser Dinge fühlte sich gut an. Es klingelte an der Tür. Ich stand auf, schnürte meinen Morgenmantel zu und ging in den Flur. Durchs Fenster sah ich einen jungen Soldaten mit einem weißen Zettel in der Hand. Merkwürdig, dachte ich. Ein Soldat, der einen Zettel in der Hand hält vor Einos und meiner Tür. Oder wieso eigentlich merkwürdig, hier herrschen durchaus Krieg und Entbehrung.

2.

Ich hatte Glück: die Gegend am Südufer der Stadt. Die Häuserzeilen der im Geld Schwimmenden blickten lässig aufs Meer. Die Summen waren beträchtlich. An jeder dritten Tür gab ich die Kopie ab, die ich in der Bibliothek gefälscht hatte.

Die Tür des stattlichsten Hauses der Straße wurde von einer Frau um die Fünfzig geöffnet, die einen blauen Morgenmantel trug. Sie sah immer noch gut aus. Guten Tag, sagte ich. Guten Tag, sagte die Frau. Wir führen die Zapfenstreich-Sammlung durch, sagte ich. Zapfenstreich, sagte die Frau. Ja, sagte ich, für die Kriegsveteranen. Sie sehen jung aus für einen Veteranen, sagte die Frau, aber kommen Sie rein.

Die Frau führte mich zum Wohnzimmersofa und zeigte auf eine Glasschüssel mit Schokorosinen. Ein Soldat darf sicher Süßigkeiten essen, sagte sie. Darf er, heutzutage wird in der Armee kaum was anderes gemacht, sagte ich. Durch das Fenster sah man das Meer und den Nachmittag, in dem die Birken wogten. Die Frau holte ihre Brieftasche und setzte sich aufs Sofa. Unter dem Morgenmantel kamen ihre zierlichen Knie zum Vorschein. Ich gab ihr die Liste und einen Stift. Während sie mit schnellen, kraftvollen Zügen auf das Papier schrieb, betrachtete ich ihre Hand. Zusammen mit der Liste und dem Stift gab sie mir einen Schein. Danke, sagte ich, und legte den Schein in den Sammelkorb.

Augenblick, sagte die Frau und ergriff mein Handgelenk. Nun, sagte ich. Zeigen Sie mir den Zettel, sagte die Frau. Warum?, fragte ich. Zeigen Sie schon. Ich gab ihr die Liste und überlegte bereits, was ich ihr erzählen würde. Die Frau strich ihren Nachnamen durch. Dann schrieb sie einen anderen Namen darüber. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, sagte die Frau, das ist erst kürzlich passiert. Was ist passiert?, fragte ich. Die Frau lachte. Ob du mir wohl glauben würdest, dass es im Krieg passiert ist, sagte sie und zog meine Hand unter ihren Morgenmantel.

Wir lagen auf dem Boden. Der Kopf der Frau krachte gegen den Fuß des Tisches. Sie riss die Augen auf, aus dem Mund kam ein schmerzvolles Aufheulen. Zapfenstreich Zapfenstreich Zapfenstreich, keuchte es in meinem Kopf und ich pumpte meinen Hintern hoch und runter, hoch runter, bis ich in den tiefen Schoß sank. Das Geschrei ging weiter. Ich stand auf und machte den Morgenmantel der Frau zu. Die Augen starrten weiter, der Mund heulte immer noch auf. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Nackt ging ich aus dem Wohnzimmer in den Flur und suchte das Klo.

Im Badezimmer stank es. Ich riss das schlaffe und volle Gummi herunter und überlegte, was ich tun sollte. Das Geschrei war durch die Tür zu hören. An der Garderobe hing ein Morgenmantel, der gleiche wie der, den die Frau anhatte. Samt Inhalt schob ich das Gummi in die Tasche des Morgenmantels. Ich ging zur Kloschüssel und hob den Deckel. Im Wasser schwamm ein dicker schwarzer Haufen. Wie ein Senkholz, robust genug, um das Genick eines Tauchers zu brechen. Sofort raus hier, dachte ich. Nachdem ich uriniert hatte, bückte ich mich, um zu spülen. Meine Bewegung wurde unterbrochen. Ich sah den Haufen an. Darin schimmerte etwas. Ich bückte mich tiefer und betrachtete ihn näher, als würde ich tatsächlich tauchen wollen. Sieht wie Metall aus, dachte ich. Das ist Metall, eine Heftklammer. Und das dort, das ist so was wie eine Haarklammer. Hinter der Tür war es ruhig geworden. Was verbirgt sich nur in diesem Haus, dachte ich, was für ein Krieg, welche Entbehrung. Ich drückte die Spülung.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, saß die Frau auf dem Sofa und sah fern. Wollen Sie etwas, fragte sie, ohne mich anzusehen. Nein danke, sagte ich. Ich zog meine Uniform an. Schön, dass Sie da waren, sagte die Frau. Ja, das wars, sagte ich. Ich bin viel allein, sagte die Frau. Bis dann, und danke, sagte ich. Bis dann, sagte die Frau.

An der Ecke zerriss ich die Kopie. Ich wich einem Auto aus und zählte das Geld, das ich aus dem Sammelkorb abgezweigt hatte. Die Summe schrieb ich auf die ursprüngliche Liste und dachte mir Namen für die Spender aus. Mir fiel nichts ein. Gar nichts. Dann kam mir ein ziemlich doofer Name in den Sinn. Er schien authentisch. Irgendwo, wo auch immer – zum Beispiel in dieser gerahmten Uferstraße des Überflusses – wohnte ein freigebiger Viktor Ruin.

3.

Ich fuhr sonnige Straßen entlang und dachte, dass dieser Dienstag alles verändert hatte. Schon bei der Besprechung am Morgen war mir klar gewesen, dass Rantanen mir die Fäden in die Hand gegeben hatte. Er konnte gar nicht anders. Sein vergebliches Angebiedere. Sein schlaffes Auftreten. Dieser verlogene Bock. Rantanen soll Nägel fressen und seine hässliche Ziehharmonika zerfetzen. Im Auto konnte ich das laut sagen. Die Schadenfreude schäumte und zischte in mir.

Ich bog um die Ecke und stieß beinahe mit einem Wehrpflichtigen zusammen, der mit hängendem Kopf mitten auf der Straße saß und Papier in Fetzen riss. Es sah aus wie ein Brief. Den hat wohl irgendein Mädchen sitzen lassen, dachte ich, so geht es vielen Soldaten. Ich fuhr in den Hof, stieg aus dem Auto und betrachtete das Haus. Gut sieht es aus, dachte ich.

Im Flur war es still. Ich ging ins Wohnzimmer. Es war leer. Ich ließ die Tasche aufs Sofa fallen, zog die Jacke aus und lockerte die Krawatte. Auf dem Tisch war eine Schüssel mit Schokolade. Leena ist versessen auf Süßigkeiten wie ein kleines Kind, dachte ich. Ich rief ihren Namen, ging in den Flur und dann die Treppe zum Schlafzimmer hoch. Leena lag zusammengerollt auf dem Bett. Sie trug einen Morgenmantel. Hallo, sagte ich. Hallo, sagte sie. Wie war dein Tag?, fragte ich und setzte mich aufs Bett. Nichts Neues, sagte sie. Ich strich ihr durchs Haar. Es war ziemlich zerzaust. Wie geht es dir heute?, fragte ich. Besser als gestern, sagte sie. Gut, sagte ich, alles geht vorbei. Ich liebe dich. Rantanen hat aufgegeben. Ach ja, sagte sie. Ja, am Ende hat er einfach aufgegeben, sagte ich. Kann ich mir vorstellen, sagte sie. Das wird noch ein gutes Jahr, sagte ich. Kann sein, sagte sie. Was hast du am Finger?, fragte ich. Sie hob ihre Hand und bewegte den Finger. Gut versorgt, sagte sie. Ich will auf uns aufpassen, sagte ich, willst du das auch? Natürlich, sagte sie. Ich fuhr ihr durchs Haar und die Verfilzungen darin. Wie ein alt gewordenes kleines Mädchen, dachte ich. Ich spürte Mitleid in mir aufkommen. Ich gehe duschen, sagte ich, lass uns nachher weiter reden. Jaja, lass uns reden, sagte sie.

Ich stand lange unter dem laufenden Wasser. Die Substanz floss über mich hinweg, streichelte mich und machte mich mit friedlichen Bildern blind für ein Leben, in dem es keine Rantanens, keine Besprechungen und keine Verbitterungen, keinen Krieg und keine Entbehrung gab. Geradezu dankbar stand ich unter der Dusche. Dann trocknete ich mich ab. Leena zuliebe zog ich den Morgenmantel an, den sie ausgesucht hatte und den ich nur selten trug, weil er einen gewissen Widerwillen in mir erregte. Ich betrachtete meine haarigen Beine, die unter dem weiblichen Saum zum Vorschein kamen.

Immer noch Mann und Frau, dachte ich.

Im Schlafzimmer sah ich, dass Leena aufgestanden und rausgegangen war. Ich ging wieder nach unten. Die Terrassentür im Wohnzimmer stand offen. Ich sah die Steine und Bäume am Strand, das glitzernde Wasser. Die Landschaft sah einladend aus. Der Wind brachte einen Geruch von Frische mit sich. Ich ging hinaus und setzte mich in die spätnachmittägliche Sonne. Jemand ging unten am Strand entlang. Ich überlegte, ob es Leena war. Ich musste niesen und suchte ein Taschentuch. In der Tasche des Morgenmantels war etwas Weiches. Ich zog es heraus und betrachtete das Ding in meiner Hand. Himmel, dachte ich, wie kommt das in die Tasche meines Morgenmantels? Als wir das letzte Mal mit so etwas verhüteten, war Kekkonen noch Präsident. Das kalte Sperma lief über meine Handfläche und tropfte auf den Rasen.

Dann fiel es mir ein. Dieses dichte Instrument hatte seinen Inhalt ganz schön lange in der Tasche konserviert. Leena war damals, im Oktober, weg gewesen. Und ich war frustriert, weil mir nur die dunklen stürmischen Abende und das wogende Meer blieben. Und eine Karte, auf die ein grinsender Rantanen während einer Deutschlandreise eine Nummer geschrieben hatte. Ich war recht verlegen, als sich eine freundliche Stimme am Telefon erkundigte, ob ich es von hinten machen oder ins Gesicht urinieren wollte oder sonstige Sonderwünsche hätte. Ganz normal, sagte ich mit der knausrigen Stimme eines Pizzabestellers. Das Mädchen kam und war noch süßer als ich befürchtet hatte. Seither ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Hätte Leena dieses Ding gefunden, wäre sie wohl endgültig zusammengebrochen.

Ich ging ins Haus und wickelte das Gummi in Küchenpapier ein. Das Papier schob ich in meine Aktentasche. Dort würde Leena nicht reinsehen. Am nächsten Tag würde ich das Gummi bei der Arbeit verschwinden lassen. Ich könnte es zum Beispiel in Rantanens Jackentasche schmuggeln. Während ich auf dem Sofa saß und auf Leena wartete, schob ich mir Schokolade in den Mund und versuchte mir unsere gemeinsame Zukunft vorzustellen, aber ich sah nur Hände, die durch zerzaustes Haar strichen. Manche Bilder und Bildwinkel, dachte ich, können einen gefangen nehmen. Von draußen war das Schreien eines Kindes zu hören. Unter der Schokolade waren schlechte Rosinen versteckt. Aber meine Frau mochte sie. Meine Frau, die so versessen war auf Süßigkeiten wie ein altgewordenes kleines Mädchen, dachte ich und sammelte eine Heftklammer vom Boden auf.

S. 151-157 Licht

Wichtig in den Nachrichten war das, was nicht berichtet wurde. Wichtig für die Polizei wie für mich. Ich las den kurzen Text mehrmals durch. Die Grenzen der kargen Aussagen öffneten sich zu Gletscherspalten, in die man kurz hineinguckte und nur das sah, was man selbst über die Menschen und ihre Liebesfähigkeit dachte. Durch die Zeitungsblätter hindurch zeichnete sich etwas ab, ein Bild vom Herz des Lesers. Meiner Meinung nach war das ein ziemlich erbärmlicher, unterbelichteter Fleck.

In der Meldung stand, die Polizei erbitte sich von der Leserschaft Hinweise über einen alten Mann, der einen vierjährigen Jungen mit sich fort gelockt habe. Der Junge spielte nach Aussagen eines Augenzeugen um 14.40 Uhr im Hof seines Hauses, als der Mann ihn mitnahm, vermutlich in eine Wohnung in der Nähe. Um ca. 15 Uhr brachte der Mann den Jungen in den Hof zurück und entfernte sich. Der Junge war äußerlich in gutem Zustand und munter. Der hinkende Mann hatte kurze graue Haare und trug eine lange schwarze Winterjacke. Nun ermittele die Polizei, ob sich der Mann über das Anlocken des Jungen hinaus noch weitere Dinge habe zuschulden kommen lassen.

Zwanzig Minuten, dachte ich. Was kann ein steifbeiniger Alter in der Zeit schon groß machen? Vielleicht hat er den Jungen an der Hand ins Treppenhaus seines Hauses geführt. Sie sind mit dem Aufzug nach oben gefahren, in eine ruhige nette Wohnung, in der neben dem Elchgeweih an der Wohnzimmerwand eine Kuckucksuhr tickt. Der Alte hat den Jungen in einen Sessel gesetzt und ihm Dominokekse und ein Glas Saft aus der Küche geholt. Ob er dem Jungen wohl ein Foto von sich gezeigt hat, auf dem er als junger Mann zu sehen ist? In Uniform oder am Strand? Vielleicht hat er das Foto einer Frau aus dem Regal genommen, den Staub vom Glas gewischt und gesagt: Fünfzig Jahre meines Lebens, guter Gott. Der kleine Junge hat in seinem großen Stuhl fröhlich und vertrauensvoll am Keks geknabbert und mit den Beinen geschaukelt. Dann hat der Alte vielleicht seine Hose runtergelassen und gesagt: Fühl mal, immer noch ganz hart. Der Junge hat ohne zu zögern neugierig seine Hand ausgestreckt und mit dem Zeigefinger an das breite weiße Narbengewebe auf dem verschrumpelten Oberschenkel gestupst, das älter ist als die Narben seiner Eltern zusammen. Gib auch du alles fürs Vaterland, hat der Alte vielleicht feierlich gesagt und seine Hosen festgehalten. Und dann? Hat die Kuckucksuhr dreimal gerufen, ist sich der Alte der Situation bewusst geworden, hat seinen Hosenschlitz zugemacht und gesagt: Trink deinen Saft, dann bring ich dich in den Hof zurück, damit deine Mama keine Angst bekommt? Oder muss man immer das Schlechteste und Traurigste von den Menschen denken? Kann man das nicht wenigstens manchmal der Polizei überlassen?

Wichtig in den Nachrichten war das, was nicht berichtet wurde. Wichtig für den vierjährigen Jungen wie für mich, einen Mann um die Vierzig, der die Zeitung las und sein Frühstück allein runterschlang. Genau so reifen wir als Menschen, dachte ich und pellte mein Ei. So erlernen wir die Liebe und die Angst und alles Unklare dazwischen. Das geschieht in aller Stille, wenn wir uns selbst den Rücken zuwenden, weg von der kurzen trostlosen Geschichte, die man im Nachhinein zu erzählen hat.

Die Nachricht interessierte mich aus ganz persönlichen Gründen, die mich schon früher ein gewisses Projekt hatten anfangen lassen. Sinn dieses Projekts war, eine Landkarte meines eigenen Lebens und der Liebe darin zu erstellen.

Ich hatte ausführliche Notizen gemacht, Zeit habe ich heutzutage ja, und mir einen roten Filzstift und einen Stadtplan gekauft. Anhand meiner Notizen vermerkte ich auf der Karte mit einem roten Punkt, wo ich Geschlechtsverkehr hatte. Zunächst kam ich auf sechs Punkte, dann fiel mir noch einer ein. Außerhalb des Stadtplans gab es zwei Orte: ein Apartmenthotel in Athen und die Fähre nach Stockholm, deren Standort sich natürlich während des Geschehens um Hunderte von Metern, wenn nicht um Kilometer, verändert hatte.

Am Ende schien kein einziger zusätzlicher Punkt mehr aus der Dunkelheit meiner Erinnerungen aufzutauchen. Ich setzte mich an den Tisch und warf aus der Vogelperspektive einen zusammenfassenden Blick auf mein Leben und das, was ich erreicht hatte. Es war ein erschreckend armseliges Bild.

Sieben umzäunte, blasse Punkte am Stadtrand, deren Anzahl nur um zwei anstiege, selbst wenn ich eine Weltkarte vor mir ausbreiten würde. Kein einziger Punkt in einer hübschen Grünanlage meiner Heimatstadt. Nicht einmal ein öffentliches Gebäude, ein Kaufhaus, ein Amt oder eine Kirche waren rot.

Ich hatte nie zuvor ein so unvermittelt niederschmetterndes Gefühl solchen Ausmaßes erlebt. Die steinerne Unendlichkeit der Kontinentalplatten donnerte mir anklagend in den Ohren. Ich starrte meine Punkte an; der am weitesten entfernte lag zehn Blocks von den anderen weg und alle bezeugten sie meine Unfähigkeit, wie ein freier Mensch zu leben und zu lieben.

Nach dem Essen räumte ich den Tisch ab und ging mit der Zeitung in mein helles Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch lag die Karte meiner Heimatstadt ausgebreitet. Darin waren etwa hundert schwarze Punkte eingezeichnet, einhundertneun, um genau zu sein. Ich faltete die Karte zusammen und steckte sie in die Ablage an der Wand, in ihre ganz eigene Ablage. Dann nahm ich eine andere Karte aus einer zweiten Ablage und breitete sie auf dem Tisch aus. Ich sah rote Punkte. Der bittere Geschmack einer Niederlage erfüllte meinen Mund. Dass ich daran gewöhnt war, machte den Geschmack auch nicht besser. Ich nahm den roten Filzstift aus dem Kasten und suchte die in den Nachrichten genannte Adresse. Dann schätzte ich ab, wie weit der Mann den Jungen höchstens hatte wegbringen können. Ich zog einen Kreis auf dem Stadtplan. Als Mittelpunkt nahm ich das Haus des Jungen, als Radius die von mir geschätzte Entfernung. Das Wichtige, was in der Meldung nicht berichtet wurde, war in diesem Gebiet passiert, dachte ich. Ich betrachtete den kleinen Kreis. Einer meiner roten Punkte lag darin. Die plötzliche Verbindung zu einem fremden Menschen erschien mir bedeutungsvoll und unwirklich, als hätte ich einem Handamputierten die Hand geschüttelt.

Ich nahm das lederne Notizbuch aus der Schublade und suchte die Einträge zu dem Punkt im Kreis. Die Angaben kannte ich auswendig, las sie aber trotzdem. Der Punkt war einer von drei sogenannten einmaligen Ausnahmepunkten, von denen die anderen beiden außerhalb der Karte lagen; einer auf der attischen Halbinsel, der andere auf der Ostsee, wobei letzteres eigentlich kein Punkt war, sondern eine einfache Strecke.

Da stand, dass der Punkt ein über ein Jahrzehnt zurückliegendes Ereignis markierte. Als Treffpunkt mit der Frau war ein Restaurant angegeben. Name und Standort unbekannt. Die Frau war groß, dunkelhaarig und um die zwanzig. Auch zu Name und Beruf keine Angaben. Vom Restaurant ging es in das Apartment der Frau in der Tora-alhon-Straße. Zum Standort des Hauses hingegen gab es genaue Angaben. Vierter oder fünfter Stock, chaotischer Gesamteindruck der Wohnung. Unter den intimen Details war als erstes verzeichnet, dass die Frau während des Geschlechtsverkehrs süße Räucherstäbchen brennen ließ. Das zweite Detail war interessanter. Es betraf den After der Frau. Von hinten betrachtet, entblößten sich nämlich zwischen den Gesäßbacken gleich zwei Öffnungen. Eine normal, klein und dunkel, die andere groß und hell, wie eine Höhle. Auf meine Frage hin nach den konkurrierenden Körperöffnungen, hatte die Frau über die Schulter hinweg mein Erschrecken als unbegründet abgetan. Sie erklärte die helle zusätzliche Öffnung mit einer schmerzlichen Wunde vom Skifahren, als sie als Kind nach einer rasanten Abfahrt in eine unberührte Schneefläche geschleudert war, in der sich ein abgebrochener Skistock versteckt hatte.

Soviel dazu. Keine lebhaften Darstellungen der Leidenschaft, keine Informationen über die Anzahl der gemeinsam hervorgerufenen Freuden. Nur Räucherstäbchen, Skistöcke und zwei Öffnungen am Hintern. Alles andere war in den Abgründen des gelebten Lebens verschwunden, die mich leidvoll an die Abgründe des ungelebten Lebens erinnerten. Deprimiert klappte ich das Notizbuch zu. Es gibt nichts Schlimmeres als das Nachdenken darüber, wie man als junger Mensch Sex hatte; außer dem Nachdenken darüber, wie man als alter Mann keinen hat.

Ich zögere lange, bevor ich nach draußen gehe. Zwar bin ich sonst mit meiner derzeitigen Medikation zufrieden, aber unter Menschen schäme ich mich für die eitrigen Abszesse, die durch die Medikamente in meinem Gesicht sprießen. Doch meine Neugier siegte über die Angst vor angewiderten Blicken. Ich machte mich auf den Weg.

Ich ging in die Tora-alhon-Straße. Vor einem hässlichen grauen Fertighaus blieb ich stehen und betrachtete die Fenster. Ich versuchte mich zu erinnern, hinter welchen Fenstern ich im Brandgeruch der Räucherstäbchen geschuftet hatte. Die Augen geschlossen, strich ich mir mit den Fingerspitzen über die Schläfen. Ich konzentrierte mich auf die dunklen Erinnerungen an das Zimmer, in dem meine eigene Vergangenheit mir den Hintern zeigte wie einem Wildfremden, mich aus den Tiefen ihrer Öffnungen gleichgültig ansah. Ich öffnete die Augen. Ich konnte die Wohnung nicht lokalisieren.

Eine große dunkelhaarige Frau ging an mir vorüber. Neben ihr lief ein ungefähr zehnjähriger Junge mit langen Haaren. Mit Einkaufsbeuteln in der Hand bogen sie in den Hof. Ich folgte ihnen und versuchte das Gesicht der Frau zu sehen. Ob sie es wohl sein könnte, dachte ich. Die Frau schien zugenommen zu haben. Kein Wunder, immerhin zehn Jahre. Und der Junge, dachte ich, könnte er wohl…

Der Junge fischte etwas aus seinem Einkaufsbeutel und gab ihn der Frau. Diese ging zur Haustür und ins Treppenhaus. Der Junge setzte sich auf eine Bank im Hof. Ich ging zur Bank und setzte mich neben ihn. Hallo, sagte ich. Hallo, sagte der Junge. Wie heißt du?, fragte ich. Petteri, antwortete der Junge. Ohne Ekel zu zeigen betrachtete er mein Gesicht. Ich bin Rudolf, sagte ich, wusste aber nicht, warum.

Der Junge hielt eine Tüte mit Süßigkeiten in der Hand, auf der „Müllsack“ stand. Genau solche würde mein Sohn mögen, dachte ich. Ich sah ihn an. Seine Schönheit ließ mich zweifeln. Ich dachte: Vielleicht setzt sich bei ihm all das Schöne durch, das bei mir im Larvenstadium geblieben ist.

Ich wollte den Jungen berühren. Ich bat ihn um ein Bonbon. Er reichte mir die Tüte. Mit der einen Hand nahm ich seine Hand, mit der anderen griff ich in die Tüte. Die Hand des Jungen war warm. Ich überlegte, wie lange es her war, dass ich einen anderen Menschen berührt hatte, und nahm das Bonbon in den Mund. Was kann ich nur Kluges und Zärtliches zu ihm sagen, dachte ich.

- Ich war vor dir in deiner Mutter, sagte ich.

Der Junge sah weg. Jemand rief seinen Namen oben aus dem Fenster. Er stand auf. Ich auch. Ohne zurückzusehen ging ich vom Hof. Der Herr beschütze dich, segnete ich ihn in Gedanken. Es schien, als hätte etwas in mir, in einem engen Raum, den Menschen ein Licht entzündet.

Ich sah den Entgegenkommenden in die Augen.

Plötzlich schienen meine Punkte nicht belanglos. Ich dachte an das Gewimmel der Generationen und die Liebe, aus der sie entstanden. Auch ich war ein Teil davon. Ich, auf diesem Gehsteig, in diesen knarrenden Lederstiefeln und mit einem Bild im Kopf: Zwei Menschen Arm in Arm stolpern, und aus ihnen feuert sich ein Lichtstrahl in den Himmel hinaus. Aus den Weiten des Alls betrachtet ein höheres Wesen die Welt und sieht ein schnelles Funkeln über den nächtlichen Kontinenten, einen umgekehrten Sternenhimmel, in dem auch ich kurz aufgeblitzt bin, weit weg auf meiner eigenen Reise.

Ich bog um die Ecke und sah ein Polizeiauto vor einem Haus stehen. Ein großer Polizist hielt die hintere Tür auf. Vom Treppeneingang führte eine junge Polizistin einen hinkenden alten Mann zu dem Wagen. Ich blieb stehen und dachte einen Moment nach. Ich stellte mich vor den Mann, reichte ihm die Hand und sah ihm in die Augen. Er schaute mit stechendem Blick zurück.

- Grüß Sie, mein Freund, sagte ich und ließ meine Hand schnell wieder sinken, weil der Mann sie nicht nahm. Ich wandte mich an die Polizistin.

- Sie irren sich. Ich kenne ihn. Wir spielen jeden Tag von zwei bis vier Gedächtnisspiele. Ich kann Ihnen versichern, dass dieser Herr zu keiner bösen Tat fähig ist.

- Verschwinde, du beulengesichtiges Ungeheuer, krächzte der Mann. – Gehen wir, sagte er zu der Polizistin.

Das Licht in dem engen Raum erlosch.

An diesem Abend saß ich mit einem leeren Wasserglas in der Hand in meinem Arbeitszimmer. Ich sah zu, wie sich die verbleichende rote Farbe auflöste und über die feuchte Karte verteilte. Ach Generationen und Liebe, Weltall und umgekehrter Sternenhimmel, dachte ich. Ich schämte mich meiner hehren Gedanken als wäre ich in der Öffentlichkeit gestolpert. Ich sah die zusammengefaltete Karte mit den schwarzen Punkten auf der Ablage an. Allmählich sollte ich es wissen, dachte ich. Nur die anhaltende Dunkelheit der Selbstbefriedigung, und keiner, der sie ansieht.